Montag, 25. Juli 2016

1938 - Erste Hafenbegegnung



Wendula

"Kinder kommt, wir machen einen Ausflug!"
"Wohin?"
"Überraschung!" Meine hübsche und ziemlich elegante Mutter konnte immer schon schnelle Entschlüsse fassen. Wir vier, meine Mutter, zwei ältere Brüder und ich, machen uns auf den Weg zur Vorortbahn. Die Wagen mit einzelnen Abteilen und den schweren Türen stehen wartend am Bahnsteig. Ein Abteil mit den zwei Sitzbänken ist schnell gefunden. Wir vertrauen uns unserer Mutter an und steigen schließlich an den Landungsbrücken aus.
Ich bin überwältigt. Das Wasser, die Schiffe, riesengroße Kräne und viele Menschen. Das Wasser ist unheimlich, es schwappt und gurgelt und wirkt gefährlich. Meine Mutter zieht uns auf den Pontons entlang, erklärt den Brüdern Technisches über Schiffe und mich hält sie fest an der Hand.
Wir bleiben vor einem schwarzen Schiff stehen. Es hat einen rot-weißen Schornstein und ich kann, weil ich gerade Lesen gelernt habe, den Namen entziffern: LISA.
Wir wundern uns, dass alles so schwarz ist an diesem Schiff. Ein alter Matrose an Bord wird auf uns aufmerksam. Meine Mutter spricht ihn an. Das ist mir ein bisschen peinlich, aber als der bärtige Mann uns anbietet, doch mal an Bord zu kommen, bin ich begeistert. Aber alles ist so schwarz und stolz erzählt uns der Matrose: "Die LISA ist ein Kohlendampfer!"
In dem Moment wird es das schönste Schiff, was wir uns vorstellen können. Zu gerne würden wir mitfahren - das aber wird diplomatisch auf ein nächstes Mal verschoben. Wir dagegen entern einen grün-weißen Ausflugsdampfer mit viel Rauch der uns nach Wittenbergen bringt. Voller ungläubigen Staunens bekomme ich dort in einem Gartenlokal die erste Brause "außer Haus" an einem eisernen Gartentisch von einer Kellnerin serviert. Ein Tag voller neuer Eindrücke geht langsam zu Ende.

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