Mittwoch, 30. November 2016

Ich sehe was, was du nicht siehst



Maren

Sie hatte Karl seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen.
Als ihr eine etwas hagere Gestalt mit leicht gebeugten Schultern entgegen kam, erkannte sie ihn. Karl hingegen wollte an ihr vorbei gehen, in seinem Gesicht spiegelte sich kein Wiedererkennen. Aus dem Moment heraus – Oh, Gott was sollen die anderen Menschen von ihr denken – rief sie ihm mit lauter Stimme zu: „Ich sehe was, was du nicht siehst.“
Karl war nicht der einzige, der sich etwas irritiert und befremdlich nach der rufenden Frau umdrehte. Andere gingen weiter ihrer Wege und sortierten dieses Verhalten in ihre persönlichen Schubladen – Arme Alte, heute Pillen verwechselt, sollte sich mal ärztliche Hilfe holen.
Karl jedoch blieb stehen, eilte auf sie zu und schloss sie in die Arme. „Liebste Luise, ich fass es nicht. Ich freue mich so, dich wieder zu sehen!“
Luise tat es gut, so begrüßt zu werden, wobei ihr der erste Augenblick noch nachging. Hatte das Alter sie so verändert, dass er sie nicht sofort erkannt hatte? Das faltige Gesicht, die grauen Haare … aber dennoch, sie war die gleiche unverwechselbare Person geblieben. Karl sagte: „Weißt du, jetzt sehe ich was, was auch du siehst. Wir sehen uns wie wir waren und wie wir sind! Keine Kinderverse mehr! Lass uns wie früher in der Eckkneipe einen Pernod trinken.“

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