Maren
Sie
hatte Karl seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen.
Als
ihr eine etwas hagere Gestalt mit leicht gebeugten Schultern entgegen kam,
erkannte sie ihn. Karl hingegen wollte an ihr vorbei gehen, in seinem Gesicht spiegelte
sich kein Wiedererkennen. Aus dem Moment heraus – Oh, Gott was sollen die
anderen Menschen von ihr denken – rief sie ihm mit lauter Stimme zu: „Ich sehe
was, was du nicht siehst.“
Karl
war nicht der einzige, der sich etwas irritiert und befremdlich nach der
rufenden Frau umdrehte. Andere gingen weiter ihrer Wege und sortierten dieses
Verhalten in ihre persönlichen Schubladen – Arme Alte, heute Pillen
verwechselt, sollte sich mal ärztliche Hilfe holen.
Karl
jedoch blieb stehen, eilte auf sie zu und schloss sie in die Arme. „Liebste
Luise, ich fass es nicht. Ich freue mich so, dich wieder zu sehen!“
Luise
tat es gut, so begrüßt zu werden, wobei ihr der erste Augenblick noch nachging.
Hatte das Alter sie so verändert, dass er sie nicht sofort erkannt hatte? Das
faltige Gesicht, die grauen Haare … aber dennoch, sie war die gleiche
unverwechselbare Person geblieben. Karl sagte: „Weißt du, jetzt sehe ich was,
was auch du siehst. Wir sehen uns wie wir waren und wie wir sind! Keine
Kinderverse mehr! Lass uns wie früher in der Eckkneipe einen Pernod trinken.“
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