Dienstag, 27. Dezember 2016

4. Schreibnacht im Museum



Jürgen
Der Affe im Heimatmuseum

Der Affe ist ein Rucksack mit Fell. Hier im Museum nennt man ihn Tornister. Ich kenne den Affen von den Pfadfindern.

Wann genau bin ich Pfadfinder geworden? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht mit zwölf Jahren, da habe ich in einem der südlichen Außenbezirke von Berlin gelebt. Gleich um die Ecke war die Kirchengemeinde. Im Gemeindehaus hatte sich unsere Pfadfindergruppe gebildet. Wir waren Teil der Christlichen Pfadfinderschaft CP und nannten uns Stamm Eichhörnchen.

Meine Eltern konnten meine Begeisterung für die Pfadfinder nicht verstehen und machten sich gern darüber lustig. In Berlin waren Pfadfinder um die Zeit auch wirklich etwas fehl am Platz. Denn um die Stadt und mittendurch war eine Grenze mit Mauer und Stacheldraht gezogen. Nun war das westliche Berlin sehr groß und es gab sehr wohl Wälder, Seen und etwas Natur innerhalb der Stadtgrenze, aber viel war das nicht.

Der Stamm Eichhörnchen war auch nicht besonders groß. Ich glaube, wir waren drei Mitglieder. Stefan war der Anführer. Stefan war Theologiestudent und etwas weltfremd, was ihm das Pfadfinder-Führer-Dasein schwer machte. Das andere gemeine Mitglied hieß Achim, glaube ich. Wir trafen uns jeden Donnerstag im Pfadfinderraum im Keller des Gemeindehauses zum Pfadfindertreffen. Unsere wichtigste Aufgabe war die Nachwuchsarbeit. Wir brauchten unbedingt neue Mitglieder, um ein richtiger Stamm zu werden.

Irgendwie hatten wir aber Kontakte nach Neukölln. Da gab es einen befreundeten Stamm. Und es gab Hotte, einen eingefleischten Pfadfinder, der alles Mögliche konnte. Wir sind öfter nach Neukölln auf ein Gelände an der Grenzallee gefahren. Wie das aussah und was wir da gemacht haben, weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls wollte ich ein richtiger Pfadfinder sein. Ich hatte eine Kluft, graues Pfadfinderhemd und blaues Pfadfindertuch, das meine Eltern für viel Geld erstehen mussten. Dazu eine braune halblange Cordhose. Und dann habe ich meinen eigenen Affen bekommen.

Der Affe war schon alt und gebraucht, als ich ihn erstanden habe. Es kann sein, dass Hotte den irgendwo organisiert hatte, oder ich habe ihn bei Steg gekauft. Steg in Steglitz war der tollste Laden in Berlin. Es handelte sich um einen Army Surplus Laden, wo man Dinge kaufen konnte, die die US Army nicht mehr brauchte. Ich bin immer gern durch den Laden gewandert, der aus vielen engen Räumen bestand. Ich hatte auch schon Patronenkästen dort gekauft, bevor ich bei den Pfadfindern war. Später in meiner Studenten- und Tramperzeit waren mein gebrauchter Bundeswehr-Parka und mein Soldatenrucksack von Steg.

Der Affe ist eine Art Rucksack aus derbem Stoff. Ein Holzrahmen bildet seinen Korpus. An der Hinterseite gibt es die Gurte, um ihn auf den Rücken  zu schnallen. Verschließen konnte man den Affen mit einer Art Klappe, die mit einem rötlichen  Fell überzogen war. Das Wichtigste an dem Affen aber waren die vielen Schleifen, die oben, unten, links und rechts an dem Holzrahmen angebracht waren. Der Affenkörper selbst war ziemlich klein, darin brachte man nur das Nötigste unter. Vielleicht ein  Handtuch und eine Badehose, oder auch ein Stück Seife und eine Taschenlampe. Alles andere wie Schuhe, das Kochgeschirr, die Trinkflasche und einiges andere baumelte an einer der vielen Befestigungsschleifen.

Jeder Pfadfinder musste eine Zeltplane tragen. Die Planen waren schwarz und dreieckig. Eine einzelne Plane konnte man als behelfsmäßiges Biwak nutzen. Wenn man drei Planen hatte, konnte man schon ein einigermaßen gemütliches Zelt bauen, und aus ganz vielen Planen eine große Jurte. Beim Packen legte man die Zeltplane auf den Boden, packte den Schlafsack und ein paar Kleidungsstücke drauf, dann rollte man alles fest zusammen zu einer Art Wurst, die so an den Affen geschnallt wurde, dass sie links, rechts und oben festgeschnallt war. Unten kamen Kochgeschirr, Schuhe etc. ran, und dann hatte man alles verstaut. Das Ganze war völlig ohne Plastik Kunstfaser. Wenn es nass wurde, konnte es Wochen dauern, bis alles wieder trocken war. Ich hatte auch eine Pfadfinderjacke, eine Juja, auch so ein Ding aus Wollstoff mit Kapuze. Besser nicht in den Regen kommen.

Die denkwürdigste Reise war die nach Albrechts Teerofen. Das war ein Gelände direkt an der Zonengrenze, gleich neben dem Kontrollpunkt Dreilinden. Die Fahrt ging damit los, dass wir uns am U-Bahnhof treffen wollten. Stefan hatte nur U-Bahnhof gesagt, aber die Station hatte sechs Eingänge oder so. Wir warteten alle an verschiedenen Eingängen, bis uns klar wurde, dass die anderen an anderen Eingängen zu finden sind. Mehr oder weniger gleichzeitig sind wir alle zu einem anderen Eingang gegangen. Allerdings auf verschiedenen Wegen, so haben wir uns wieder verfehlt. Es hat lange gedauert, bis wir uns dann gefunden haben. Mein Vater hat jahrelang Witze darüber gerissen, das wir uns nicht finden konnten, obwohl wir doch Pfadfinder waren.

Dann sind wir mit dem Fahrrad nach Albrechts Teerofen gefahren. Die Route führte nicht durch unberührte Natur, sondern durch Lankwitz, Steglitz, Zehlendorf, auf großen Straßen mit Ampeln, dichtem Verkehr und allem, was die Großstadt zu bieten hatte. Wir hatten fast 30 Kilometer zu fahren, Berlin ist groß. In Albrechts Teerofen gab es ein Gelände, das wir nutzen konnten: ein Stück Rasen, ein paar Büsche, mehr nicht. Dort haben wir das Zelt aufgebaut und den großen Hordentopf über das Feuer gehängt, um Kartoffelsuppe aus der Dose zu essen. Lagerfeuer war mit das Beste am Pfadfindersein.

Jedenfalls hat es dann geregnet und wir sind in den Rasthof am Kontrollpunkt geflüchtet. Da haben wir dann wie nasse Katzen zwischen den Fernfahrern gesessen, und ich habe mein erstes Bier getrunken, glaube ich. Wenn ich an meine Pfadfinderzeit zurückdenke, sehe ich vor allem uns Eichhörnchen die ganze Nacht in diesem schäbigen Autobahnrestaurant sitzen und Bier trinken. Der Affe hier in der Vitrine hat mich ermuntert, diese Geschichte aufzuschreiben.

© Jürgen Schöneich. Weitere Texte des Autors unter www.berlinermax.de


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