Jürgen
Der Affe im Heimatmuseum
Der Affe ist ein Rucksack mit Fell. Hier im
Museum nennt man ihn Tornister. Ich kenne den Affen von den Pfadfindern.
Wann genau bin ich Pfadfinder geworden? Ich weiß
es nicht mehr. Vielleicht mit zwölf Jahren, da habe ich in einem der südlichen
Außenbezirke von Berlin gelebt. Gleich um die Ecke war die Kirchengemeinde. Im
Gemeindehaus hatte sich unsere Pfadfindergruppe gebildet. Wir waren Teil der
Christlichen Pfadfinderschaft CP und nannten uns Stamm Eichhörnchen.
Der Stamm Eichhörnchen war auch nicht besonders
groß. Ich glaube, wir waren drei Mitglieder. Stefan war der Anführer. Stefan
war Theologiestudent und etwas weltfremd, was ihm das Pfadfinder-Führer-Dasein
schwer machte. Das andere gemeine Mitglied hieß Achim, glaube ich. Wir trafen
uns jeden Donnerstag im Pfadfinderraum im Keller des Gemeindehauses zum
Pfadfindertreffen. Unsere wichtigste Aufgabe war die Nachwuchsarbeit. Wir
brauchten unbedingt neue Mitglieder, um ein richtiger Stamm zu werden.
Irgendwie hatten wir aber Kontakte nach Neukölln.
Da gab es einen befreundeten Stamm. Und es gab Hotte, einen eingefleischten
Pfadfinder, der alles Mögliche konnte. Wir sind öfter nach Neukölln auf ein
Gelände an der Grenzallee gefahren. Wie das aussah und was wir da gemacht
haben, weiß ich nicht mehr.
Jedenfalls wollte ich ein richtiger Pfadfinder
sein. Ich hatte eine Kluft, graues Pfadfinderhemd und blaues Pfadfindertuch,
das meine Eltern für viel Geld erstehen mussten. Dazu eine braune halblange
Cordhose. Und dann habe ich meinen eigenen Affen bekommen.
Der Affe war schon alt und gebraucht, als ich ihn
erstanden habe. Es kann sein, dass Hotte den irgendwo organisiert hatte, oder
ich habe ihn bei Steg gekauft. Steg in Steglitz war der tollste Laden in
Berlin. Es handelte sich um einen Army Surplus Laden, wo man Dinge kaufen
konnte, die die US Army nicht mehr brauchte. Ich bin immer gern durch den Laden
gewandert, der aus vielen engen Räumen bestand. Ich hatte auch schon
Patronenkästen dort gekauft, bevor ich bei den Pfadfindern war. Später in
meiner Studenten- und Tramperzeit waren mein gebrauchter Bundeswehr-Parka und
mein Soldatenrucksack von Steg.
Der Affe ist eine Art Rucksack aus derbem Stoff.
Ein Holzrahmen bildet seinen Korpus. An der Hinterseite gibt es die Gurte, um
ihn auf den Rücken zu schnallen.
Verschließen konnte man den Affen mit einer Art Klappe, die mit einem
rötlichen Fell überzogen war. Das
Wichtigste an dem Affen aber waren die vielen Schleifen, die oben, unten, links
und rechts an dem Holzrahmen angebracht waren. Der Affenkörper selbst war
ziemlich klein, darin brachte man nur das Nötigste unter. Vielleicht ein Handtuch und eine Badehose, oder auch ein
Stück Seife und eine Taschenlampe. Alles andere wie Schuhe, das Kochgeschirr,
die Trinkflasche und einiges andere baumelte an einer der vielen Befestigungsschleifen.
Jeder Pfadfinder musste eine Zeltplane tragen.
Die Planen waren schwarz und dreieckig. Eine einzelne Plane konnte man als
behelfsmäßiges Biwak nutzen. Wenn man drei Planen hatte, konnte man schon ein
einigermaßen gemütliches Zelt bauen, und aus ganz vielen Planen eine große
Jurte. Beim Packen legte man die Zeltplane auf den Boden, packte den Schlafsack
und ein paar Kleidungsstücke drauf, dann rollte man alles fest zusammen zu
einer Art Wurst, die so an den Affen geschnallt wurde, dass sie links, rechts
und oben festgeschnallt war. Unten kamen Kochgeschirr, Schuhe etc. ran, und
dann hatte man alles verstaut. Das Ganze war völlig ohne Plastik Kunstfaser.
Wenn es nass wurde, konnte es Wochen dauern, bis alles wieder trocken war. Ich
hatte auch eine Pfadfinderjacke, eine Juja, auch so ein Ding aus Wollstoff mit
Kapuze. Besser nicht in den Regen kommen.
Die denkwürdigste Reise war die nach Albrechts
Teerofen. Das war ein Gelände direkt an der Zonengrenze, gleich neben dem
Kontrollpunkt Dreilinden. Die Fahrt ging damit los, dass wir uns am U-Bahnhof
treffen wollten. Stefan hatte nur U-Bahnhof gesagt, aber die Station hatte
sechs Eingänge oder so. Wir warteten alle an verschiedenen Eingängen, bis uns
klar wurde, dass die anderen an anderen Eingängen zu finden sind. Mehr oder
weniger gleichzeitig sind wir alle zu einem anderen Eingang gegangen.
Allerdings auf verschiedenen Wegen, so haben wir uns wieder verfehlt. Es hat
lange gedauert, bis wir uns dann gefunden haben. Mein Vater hat jahrelang Witze
darüber gerissen, das wir uns nicht finden konnten, obwohl wir doch Pfadfinder
waren.
Dann sind wir mit dem Fahrrad nach Albrechts
Teerofen gefahren. Die Route führte nicht durch unberührte Natur, sondern durch
Lankwitz, Steglitz, Zehlendorf, auf großen Straßen mit Ampeln, dichtem Verkehr
und allem, was die Großstadt zu bieten hatte. Wir hatten fast 30 Kilometer zu
fahren, Berlin ist groß. In Albrechts Teerofen gab es ein Gelände, das wir
nutzen konnten: ein Stück Rasen, ein paar Büsche, mehr nicht. Dort haben wir
das Zelt aufgebaut und den großen Hordentopf über das Feuer gehängt, um
Kartoffelsuppe aus der Dose zu essen. Lagerfeuer war mit das Beste am
Pfadfindersein.
Jedenfalls hat es dann geregnet und wir sind in
den Rasthof am Kontrollpunkt geflüchtet. Da haben wir dann wie nasse Katzen
zwischen den Fernfahrern gesessen, und ich habe mein erstes Bier getrunken,
glaube ich. Wenn ich an meine Pfadfinderzeit zurückdenke, sehe ich vor allem
uns Eichhörnchen die ganze Nacht in diesem schäbigen Autobahnrestaurant sitzen
und Bier trinken. Der Affe hier in der Vitrine hat mich ermuntert, diese
Geschichte aufzuschreiben.
© Jürgen
Schöneich. Weitere Texte des Autors unter www.berlinermax.de
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