Mittwoch, 26. April 2017

Was ich nicht wegwerfen kann



Renate
Was ich nicht wegwerfen kann

Natürlich machen meine Erinnerungsstücke, Fotoalben und alte Briefe ein Stück Lebensreichtum aus, die erst mit mir das Zeitliche segnen werden.

Aber da haust in der Abstellkammer ein sehr dicker Sack mit jahrealter wunderbarer Strickwolle. Selten, beim Suchen anderer Dinge kommt mir dieser sack unter die Hände und ich muss ihn einfach öffnen. Viele einzelne Beutel kommen zum Vorschein, gefüllt mit herrlichen Farben und Fadenarten. Für mich sind sie eine einzige große Verlockung.

Ich nehme einzelne Knäule in die Hand; seidig oder weich wie Fell gleiten sie über die Haut. Spontan fallen mir zu jeder Wundertüte Modelle ein: Ja, so stelle ich es mir vor, so muss es werden, und die Technik ist kein Problem.

Zu Hause wurde damals viel gestrickt. Es gab nach dem Krieg gelegentlich grobe Wolle zu kaufen, oder es wurde Altes aufgeribbelt. Meine Mutter kenne ich des Abends nicht ohne Strickzeug. bald bekam auch ich Lust dazu, und sie zeigte mir nach und nach alle Tricks. Die Zeiten wurden besser und das Wollangebot ebenso. Aus feiner Baumwolle strickten wir um die Wette zartfarbene Spitzenhöschen, aus Schafwolle dicke Winterpullover, Jacken, Socken, Handschuhe nach eigenen Entwürfen.

Noch heute fasziniert mich das Herstellen ganz persönlicher Kunstwerke aus einem faden. Ideen und Wolle gibt es reichlich, leider nicht die Zeit. Mittlerweile bin ich eingeübt, beim Lesen oder Fernsehen meine Wolle ganz langsam zu verarbeiten.

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