Freitag, 5. Januar 2018

Die Erweckung der Leblosen



Maren
Die Erweckung der Leblosen

Das Telefon klingelte zur Unzeit, also viel zu früh. Meine Frau drehte sich brummend im Bett um. Ich hörte noch, wie sie sagte: „Na, Müller, denn man schnell in die Klamotten und ab zum Betriebshof.“ In der letzten Zeit kam es wiederholt zu Zugausfällen, die Busse mussten die Ersatzstrecken bedienen. Am Telefon hörte ich, wie erwartet, die Stimme vom Kollegen Grohmann. „Müller, sofort zum Bahnhof. In Altona ist der Bahnverkehr lahmgelegt. Sie übernehmen den Bus 138 um 5 Uhr 12. Beeilung bitte.“ Das war’s.
In der Küche stand die Thermoskanne mit dem Rest Kaffee  von gestern. Diese Koffeingabe musste vorerst reichen. Das Motorengeräusch meines Autos riss ein Loch in die morgendliche Stille der Siedlung.
Die große Automotorensymphonie beginnt erst um sieben Uhr.
Ich stellte mein Auto auf den betriebseigenen Parkplatz und ging zum Busbahnhof. Der  Bus war bereits von einem anderen Kollegen vorgefahren worden. Im Abfahrtsbereich hatten sich viele Fahrgäste gesammelt.
Im Kollegenkreis heißen sie die Frühen. Sie unterscheiden sich von den Tagesfahrgästen durch ihre meist verschlafene unbewegliche Mimik. Mein Kollege Heinz spricht von den Leblosen.
Von meinem Fahrersitz aus konnte ich sehen, dass sich aus dieser Kategorie eine wartende Gruppe gebildet hatte, die zunehmend größer wurde. Lediglich eine ältere Frau mit einem kleinen schwarzen Hund auf dem Arm unterbrach das einheitliche Bild. Die Frau trug den Hund in ihrer Armbeuge. Dem Hund gefiel dieses Überfürsorgliche nur kurze Zeit. Ich sah, wie  sich der Hund mit einem kräftigen langgestreckten Sprung befreite und zwischen den Beinen der Wartenden verschwand. Weiter konnte ich von meinem Platz aus sehen, wie Bewegung in die Gruppe kam und ein Herr im gutgeschnittenen grauen Anzug seine braune Umhängetasche auf die Erde stellte, sich hinunter beugte um den Fluchtweg des Hundes zu entdecken. Dann hörte ich wie er rief: „Da, dort an der Wand, ich sehe ihn!“
Andere beteiligten sich jetzt an der Suche. Es gelang ihnen, den Hund wieder einzufangen. Es war interessant zu sehen, wie die bisher einheitliche Gruppe mit den verschlossenen Gesichtern sich veränderte. Die Menschen kamen miteinander ins Gespräch und auch nachdem sie in den Bus eingestiegen waren, konnte ich mithören, dass sie von eigenen Begegnungen und Erlebnissen mit Hunden berichteten und sich darüber austauschten.

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