Maren
Die Erweckung der Leblosen
Das
Telefon klingelte zur Unzeit, also viel zu früh. Meine Frau drehte sich
brummend im Bett um. Ich hörte noch, wie sie sagte: „Na, Müller, denn man schnell
in die Klamotten und ab zum Betriebshof.“ In der letzten Zeit kam es wiederholt
zu Zugausfällen, die Busse mussten die Ersatzstrecken bedienen. Am Telefon
hörte ich, wie erwartet, die Stimme vom Kollegen Grohmann. „Müller, sofort zum
Bahnhof. In Altona ist der Bahnverkehr lahmgelegt. Sie übernehmen den Bus 138
um 5 Uhr 12. Beeilung bitte.“ Das war’s.
In
der Küche stand die Thermoskanne mit dem Rest Kaffee von gestern. Diese Koffeingabe musste vorerst
reichen. Das Motorengeräusch meines Autos riss ein Loch in die morgendliche
Stille der Siedlung.
Die
große Automotorensymphonie beginnt erst um sieben Uhr.
Ich
stellte mein Auto auf den betriebseigenen Parkplatz und ging zum Busbahnhof.
Der Bus war bereits von einem anderen
Kollegen vorgefahren worden. Im Abfahrtsbereich hatten sich viele Fahrgäste
gesammelt.
Im
Kollegenkreis heißen sie die Frühen.
Sie unterscheiden sich von den Tagesfahrgästen durch ihre meist verschlafene
unbewegliche Mimik. Mein Kollege Heinz spricht von den Leblosen.
Von
meinem Fahrersitz aus konnte ich sehen, dass sich aus dieser Kategorie eine
wartende Gruppe gebildet hatte, die zunehmend größer wurde. Lediglich eine
ältere Frau mit einem kleinen schwarzen Hund auf dem Arm unterbrach das
einheitliche Bild. Die Frau trug den Hund in ihrer Armbeuge. Dem Hund gefiel
dieses Überfürsorgliche nur kurze Zeit. Ich sah, wie sich der Hund mit einem kräftigen langgestreckten
Sprung befreite und zwischen den Beinen der Wartenden verschwand. Weiter konnte
ich von meinem Platz aus sehen, wie Bewegung in die Gruppe kam und ein Herr im
gutgeschnittenen grauen Anzug seine braune Umhängetasche auf die Erde stellte,
sich hinunter beugte um den Fluchtweg des Hundes zu entdecken. Dann hörte ich
wie er rief: „Da, dort an der Wand, ich sehe ihn!“
Andere
beteiligten sich jetzt an der Suche. Es gelang ihnen, den Hund wieder
einzufangen. Es war interessant zu sehen, wie die bisher einheitliche Gruppe
mit den verschlossenen Gesichtern sich veränderte. Die Menschen kamen
miteinander ins Gespräch und auch nachdem sie in den Bus eingestiegen waren,
konnte ich mithören, dass sie von eigenen Begegnungen und Erlebnissen mit
Hunden berichteten und sich darüber austauschten.
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