Montag, 24. Dezember 2018

Stern


Wendula
Stern

Seit ich kein Auto mehr besitze, bin ich eine fast leidenschaftliche
Benutzerin öffentlicher Verkehrsmittel geworden. In erster Linie sind es die Busse, die von mir gebraucht werden. Auf der Hinfahrt ist mein Bus zu jeder Tageszeit fast leer. Aber am häufigsten geht der Transport vom Altonaer Busbahnhof und dann ist er richtig voll. Das Warten dort ist immer ein Erlebnis. Bunt, lebendig, teils auch verstörend, voll, viele Kinderkarren und Rollatoren, Junge und Alte, Ausländer und Kindergartengruppen. Mindestens 13 verschiedene Buslinien sorgen für Betrieb, im schnellen Wechsel verlassen sie ihre Positionen. Ein Bus fährt ein, er wird ungeduldig erwartet, einsteigen und die Warteschleife wird kürzer. Mein "Hausbus" ist nicht immer so gefragt aber mittags, wenn die "Hackenporsches" gut gefüllt von alternden Frauen nach Hause gezogen werden, wird auch dieser Bus voll. Heute, 12 Tage vor Weihnachten, bin ich ausnahmsweise die Erste die den Bus besteigt.
Ziemlich weit vorne finde ich einen Platz. Draußen verfinstert eine
Regenwand das Umfeld. Mit nassen Klamotten und schmutzigen Schuhen drängen die Menschen ins Warme. Meine neugierigen Augen versuchen irgendetwas Besonderes zu entdecken. Mein Blick geht auch auf den Boden.
Und da, ich kann es kaum glauben, ein silberner Stern liegt vor mir
zwischen Matsch und Nässe. Er glänzt nicht mehr aber trotzdem berührt er etwas in mir. Er scheint mir ganz alleine zu gehören, keiner sonst sieht ihn, zeitweilig wird er sogar von dicksohligen Winterstiefeln verdeckt.
Ich kann den Blick nicht von ihm lassen. Jedesmal, wenn er wieder zum Vorschein kommt, begrüße ich ihn in Gedanken und glaube fast, er will mir eine Botschaft schicken. Aufsammeln kann ich ihn nicht, er liegt zu sehr im Matsch und scheint eben doch nur aus etwas dickerem, inzwischen nassem Papier zu sein. Aber er bringt es fertig, sich in meinen Gedanken für Wochen einzunisten und mir jedesmal ein Lächeln zu entlocken wenn ich an ihn denke.

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