Dienstag, 5. März 2019

Ein Fisch erzählt


Ilse

Ein Fisch erzählt

Endlich ist es so weit. Unsere Mutter hat uns aus ihrem Maul entlassen. Wir sind wohl groß genug. Der dicke Dottersack an unserem Bauch, den wir noch mit uns tragen, soll uns das Überleben in den nächsten Tagen sichern, bis wir gelernt haben, selber das geeignete Futter zu finden. Ein paar Tage schwimme ich nun mit meinen Geschwistern frei im Wasser herum. Meine Mutter bleibt immer in unserer Nähe. Sie passt auf uns auf. Wittert sie Gefahr für uns, weil uns ein größerer Fisch zu nahe kommt, zuckt sie kurz mit ihren Flossen. Gleichzeitig öffnet sie ihr Maul und wir können ganz schnell in diese sichere Höhle schwimmen. Wie lange wohl passen wir noch alle in das Maul unserer Mutter?
Durch das gute Futterangebot in unserem See wachsen wir tagtäglich. Einer von uns entdeckt die winzigen Minikrebse, die wir so lieben. Er steuert auf sie zu und wir alle hinter ihm her. Dann gibt es einen Festschmaus. Mit einem Schluck  verschwinden die Tierchen in unserem kleinen Schlund. Ich muss allerdings aufpassen, dass ich ausreichend von dem Futterangebot abbekomme und mir die anderen nicht die fetten Bissen vor der Nase wegschnappen. Dabei passiert  schon mal ein Beinahe-Zusammenstoß. Aber jeder von uns passt auf. Wir verhindern, dass jemand verletzt wird.
Mit jedem Tag wachsen unsere Flossen am Bauch und auf dem Rücken, werden kräftiger und bekommen einen roten Rand. Auf der Schwanzflosse sitzt ein großer blau leuchtender Fleck, wie ein Auge. Das soll unsere Fressfeinde abschrecken. Meine Schwanzflosse hat sogar lang ausgezogenene Spitzen. Unter uns Fischen wird gesagt, das sei das besondere Merkmal der Männchen.
Wenn wir nicht fressen, jagen wir einander. Es ist unser beliebtes Fangspiel. Viel Spaß haben wir beim Schwimmen rund um die Wasserpflanzen. Abends sind wir dann fischmüde.
Bei Sonnenuntergang suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen, legen unseren Bauch auf einem Blatt, einem Stück Holz oder einem glatten Stein ab und begeben uns zur Nachtruhe.
Auf jeden neuen Tag  freue ich mich und auf viele neue Abenteuer. Meine Mutter habe ich längst aus den Augen verloren. Ihren Schutz brauche ich nicht mehr. Ich kann allein für mich sorgen.

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