Dienstag, 2. Juli 2019

Glück


Gisi
Glück

Training und nochmals Training. Schweißperlen auf der Stirn. Das Frotteehandtuch war durchfeuchtet. Es roch nach Schweiß. Dann wollten die Muskeln nicht mehr mitmachen. Die ersten Krämpfe stellten sich ein. Trainer K. verordnete eine Pause. Er sprach von „innerlich ruhig werden“. „Du hast alles gegeben. Aber bei dir ist mehr drin, als du ahnst. Ich spüre und sehe es. Wir haben noch Zeit und ich überarbeite deinen Trainingsplan.“
Das waren seine knappen Kommentare, während ich mich am Ende der Übungseinheiten zunehmend elender fühlte.
Dann, in der darauffolgenden Trainingsphase, begann K. mit mir zu spielen. Verschiedene Ballspiele hatte er parat. Mit großen und kleinen Bällen. Ich empfand mich wie auf einem Spielplatz, aber nicht in der Trainingshalle Nummer 1. Und dann wurde es noch schöner. Sein Rufen dröhnte durch die Halle. „Fang mich, lauf mir nur nach. Mit Ball oder ohne. Wirf den Ball auf mich, egal welchen du dir aussuchst. Lass den Ball einfach rollen!“ Ich folgte K.s Aufforderungen. Wieder begann der Schweiß zu rinnen.
Langsam begriff ich. Mit diesen einfachen Bewegungen, sie waren keinem Plan und keinem Ziel zuzuordnen, lockerte K. in mir etwas, was ich nicht beschreiben konnte. Worte hatte ich keine für meinen Zustand. Aber, o Wunder: In mir lösten sich Spannungen, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Mein Herz begann zu bibbern. Es klopfte mir förmlich bis an den Hals. Und das nicht wegen einer vermeintlichen Anstrengung. Ich empfand plötzlich bei allen Bewegungen auf der Trainingsfläche aufsteigende Glücksmomente. K. nahm sie wahr, sah entspannt aus und freute sich. Er schaffte es, dass mich in den folgenden Trainingseinheiten der innere Druck nach und nach verließ. Mit seiner Methode, die ich jetzt zunehmend akzeptierte, ließ er mich alles vergessen, was bislang gewesen war. Ich bemerkte, dass meine Seele anfing zu schweben. Alles um mich herum vergaß ich. Ich merkte nicht mehr, dass ich im Olympiastützpunkt hart arbeitete. Ich blendete völlig aus, dass nebenan in der Halle meine Konkurrentin trainierte.
Woche für Woche steigerten sich während des Trainings meine Glücksgefühle. Die Begeisterung meines Trainers nahm ebenso kontinuierlich zu. Seine Protokolle, die er präzise führte, gaben jetzt andere Ergebnisse her, als noch vor einigen Wochen.
Aufregung und Adrenalinschub. K. hatte alles für die Teilnahme der diesjährigen Olympiade organisiert. Je näher das Ereignis nahte, umso ruhiger wurde K. Ich allerdings zitterte, spürte zunehmende Adrenalinschübe. Mein Herz war unruhig, obwohl ich fast schon auf Wolke sieben schwebte.
Manchmal war ich drauf und dran, doch noch aufzugeben. Denn die Aufregung war groß. Alles in mir kochte. Nein, niemals aufgeben, egal ob ich als Siegerin oder Verliererin am Ende der Olympiade dastehen würde. Aufgeben konnte ich mir jetzt nicht mehr vorstellen.
Der große Tag nahte. Wir flogen zur Olympiade. Endlich angekommen. Es war spannend mit all den anderen Sportlern in dem olympischen Dorf und natürlich in der eigenen Disziplin. Um mich herum bewegten sich viele Konkurrentinnen. Ich befand mich bei aller Disziplin im Glückstaumel.
Schlussphase. Endresultat. Ich stand auf dem Treppchen in der Mitte und konnte kaum gerade stehen. Gold.

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