Valerie
Klavierstunde
Nachmittags,
kurz vor der Stunde, schaute Hannes sehnsüchtig aus dem offenen
Fenster aufs Fußballfeld, wo seine Klassenkameraden laut lärmend den Ball
Richtung Tor kickten. Betrat seine Mutter den Raum, schloss er schnell das Fenster,
drehte den samtbeschlagenen Hocker auf die richtige Höhe und setzte sich ans
Klavier. Kurz darauf klingelte es auch schon an der Haustür und Frau Perlebach
erschien. Wie immer trug sie ein dunkles
Kostüm, eine zweireihige rosafarbene Kette und hatte ihre grauen Haare fest zu
einem Knoten im Nacken gebunden. Sie verzog ihr Gesicht zu einem verkrampften Lächeln,
als sie ihn sah. Aber nur für einen winzigen Moment. Dann knipste sie abrupt
ihr Lächeln wieder aus und die altbekannte Strenge legte sich zurück auf ihre
Miene. Sie fragte ihn nach seinen
Hausaufgaben. Mit ihren dürren manikürten Fingern legte sie ihm die Noten
zurecht und nickte ihm zu. Das war die Aufforderung an ihn, mit dem Spiel zu beginnen.
Scheu
legte er die Finger auf die Tasten. Er kam nur schleppend in Fahrt. Die Töne stockten und
quälten sich dahin. Sie stoppte ihn. „Du hast nicht geübt“, tadelte sie. „Ohne Fleiß,
mein lieber Hannes, wird das nichts. Disziplin nur macht den Meister.“
Ihm stiegen
Tränen in die Augen. „Vom Weinen wird das auch nicht besser“, sagte sie
ungerührt und reichte ihm ein Taschentuch.
Nach
einer gefühlten Ewigkeit war die Stunde endlich überstanden. Er war restlos
erschöpft, seine Hände waren schweißnass und durch die Anstrengung hatte er,
wie all die anderen Male auch, Schluckauf bekommen.
Seine Mutter und Frau Perlebach unterhielten sich noch eine
Zeitlang leise bei Gebäck und Tee im Salon. Abends hielt ihm sein Vater
eine Standpauke und er wurde früh ins
Bett geschickt, wo er leise vor sich hin schluchzte. Als er endlich einschlief,
sah er sich auf dem Fußballplatz ein Tor schießen. Der Trainer, ein
freundlicher junger Mann, schlug ihm auf die Schulter und sagte mit einem
breiten Grinsen:"Mensch Hannes, du bist ja der geborene Linksfuß. Ganz
große Klasse.“
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