Mittwoch, 4. September 2019

Modell sitzen


Valerie
Modell sitzen

Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen. Nur weil ich dringend Geld brauche. Bestimmt hätte ich auch einen anderen Job gefunden. Ich aber hatte gedacht, Modell sitzen, das kann doch nicht so schwer sein. Wenn ich hier nackig hätte rumliegen müssen, hätte ich natürlich nein gesagt. Aber er hatte mir erklärt: „Du trägst ein grünes langes Samtkleid, mit einem kleinen spitzen Ausschnitt nur und langen weiten Ärmeln. Und ein Buch gibt es auch.“ Toll, ich mit einem Buch in der Hand – und dafür noch Geld kassieren. Aber dann kam alles anders.
Diese Armhaltung macht mich krank. Ich muss mich nach spätestens einer Viertelstunde bewegen. Darf ich aber nicht. Muss still so ausharren. Mit Schmerzen. Mir schlafen die Glieder ein. Erst der Oberarm, dann der Unterarm, dann die Hand. Irgendwann kann ich nicht mehr, und rühre mich. Dann aber faucht er mich an, und mir kommen die Tränen. Vor Erschöpfung. Das bringt ihn dann vollends auf die Palme und er wirft Pinsel und Lappen  auf den Boden und schreit mich an: „Okay, machen wir eine kleine Pause, wenn es denn schon wieder sein muss. Aber streng dich danach bitte etwas mehr an, sonst wird das Bild ja nie und nimmer fertig!“
Ich sammle mich, wisch mir die Tränen vom Gesicht und fuchtel mit meinen Armen in der Luft herum, bis da wieder Blut rein fließt und sie sich wieder lebendig anfühlen. Innerlich rufe ich alle Heiligen an, mir beizustehen, dass ich danach in besserer Kondition diese abwegige Yoga-Armhaltung länger als 15 Minuten durchhalte. Das Buch, auf das ich mich so gefreut habe, es liegt weitab irgendwo auf meinem Bein. Es hat ein Gewicht wie 10 Tonnen, so dass auch mein Bein einschläft. Und dann  dieser Gestank nach Terpentin und Farbe im Atelier! Ich bekomme davon Kopfschmerzen. Wie er das aushält, ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich hat er eine Rossnatur. Dabei dachte ich immer, Künstler seien von sensiblem Naturell. Na ja, der hier schon mal nicht. Und von sündigem Sex im Atelier, wo man gerüchteweise von hört, auf dieser harten Holzpritsche würde das keinem einfallen.
Ich habe schon mal geluschert, wie weit er mit dem Gemälde ist. Ich war verdutzt. Ich habe eine gute Figur. Jedenfalls sagt das mein Mann. Rundungen genau da, wo sie hin gehören. Aber was sehe ich? Er hat um meine Kurven noch dicke rote Kurven drum herum gemalt.  Keine Ahnung, was das soll. Ich merke, Modell sitzen, das ist einfach nichts für mich. Soll er sich doch eine Sportlerin - oder besser noch eine Akrobatin - suchen, die sich stundenlang mit ihren Armen so verrenken kann. Ich aber such mir besser einen anderen Job. 


Schreibimpuls: Liegende Dame in Grün (1919) von Gabriele Münter 
 




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