Valerie
Modell sitzen
Ich
hätte mich nicht darauf einlassen sollen. Nur weil ich dringend Geld brauche. Bestimmt
hätte ich auch einen anderen Job gefunden. Ich aber hatte gedacht, Modell sitzen,
das kann doch nicht so schwer sein. Wenn ich hier nackig hätte rumliegen müssen,
hätte ich natürlich nein gesagt. Aber er hatte mir erklärt: „Du trägst ein
grünes langes Samtkleid, mit einem kleinen spitzen Ausschnitt nur und langen
weiten Ärmeln. Und ein Buch gibt es auch.“ Toll, ich mit einem Buch in der Hand
– und dafür noch Geld kassieren. Aber dann kam alles anders.
Diese
Armhaltung macht mich krank. Ich muss mich nach spätestens einer Viertelstunde bewegen.
Darf ich aber nicht. Muss still so ausharren. Mit Schmerzen. Mir schlafen die
Glieder ein. Erst der Oberarm, dann der Unterarm, dann die Hand. Irgendwann
kann ich nicht mehr, und rühre mich. Dann aber faucht er mich an, und mir kommen
die Tränen. Vor Erschöpfung. Das bringt ihn dann vollends auf die Palme und er
wirft Pinsel und Lappen auf den Boden
und schreit mich an: „Okay, machen wir eine kleine Pause, wenn es denn schon
wieder sein muss. Aber streng dich danach bitte etwas mehr an, sonst wird das
Bild ja nie und nimmer fertig!“
Ich
sammle mich, wisch mir die Tränen vom Gesicht und fuchtel mit meinen Armen in
der Luft herum, bis da wieder Blut rein fließt und sie sich wieder lebendig anfühlen.
Innerlich rufe ich alle Heiligen an, mir beizustehen, dass ich danach in
besserer Kondition diese abwegige Yoga-Armhaltung länger als 15 Minuten
durchhalte. Das Buch, auf das ich mich so gefreut habe, es liegt weitab
irgendwo auf meinem Bein. Es hat ein Gewicht wie 10 Tonnen, so dass auch mein
Bein einschläft. Und dann dieser Gestank
nach Terpentin und Farbe im Atelier! Ich bekomme davon Kopfschmerzen. Wie er
das aushält, ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich hat er eine Rossnatur. Dabei
dachte ich immer, Künstler seien von sensiblem Naturell. Na ja, der hier schon
mal nicht. Und von sündigem Sex im Atelier, wo man gerüchteweise von hört, auf
dieser harten Holzpritsche würde das keinem einfallen.
Ich
habe schon mal geluschert, wie weit er mit dem Gemälde ist. Ich war verdutzt.
Ich habe eine gute Figur. Jedenfalls sagt das mein Mann. Rundungen genau da, wo
sie hin gehören. Aber was sehe ich? Er hat um meine Kurven noch dicke rote
Kurven drum herum gemalt. Keine Ahnung,
was das soll. Ich merke, Modell sitzen, das ist einfach nichts für mich. Soll er
sich doch eine Sportlerin - oder besser noch eine Akrobatin - suchen, die sich
stundenlang mit ihren Armen so verrenken kann. Ich aber such mir besser einen
anderen Job.
Schreibimpuls: Liegende Dame in Grün (1919)
von Gabriele Münter
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