Mittwoch, 4. September 2019

"Liegende in Grün"


Cordula
„Liegende in Grün“

Sie wollte sich eine Weile ausruhen. Das rote Sofa war ihr Lieblingsplatz, drapiert mit Decken und Kissen. Sie nahm ein Buch zur Hand und las darin eine Weile. Dann kam sie an eine Stelle, die sie zum Nachdenken zwang, über sich, ihr bisheriges Leben.
Es war nicht gerade warm in diesem Raum und das beherrschende Grün erhellte auch nicht ihre Stimmung. Nur das rote Sofa erheiterte sie manchmal, heute allerdings nicht. Sie überlegte, ob das der Sinn des Lebens sein sollte, hier auf dem Sofa zu liegen und die Zeit totzuschlagen; es war ja noch nicht einmal warm in diesem Raum. Sie war jung und könnte doch etwas anderes in ihrem Leben anfangen, als ständig auf irgendetwas zu warten. Ihr war langweilig und frustriert zugleich.
Nein, so wollte sie nicht weitermachen. Sie wollte etwas Sinnvolles tun, aber was?
Das Buch gab ihr keine Anregung, lediglich das Gefühl, dass es so nicht weitergehen könne. Sie wollte mit ihrem Mann darüber sprechen. Einen Beruf wollte sie erlernen, aber welchen? Ihr Mann würde wenig begeistert sein, das wusste sie. Es war ja nicht üblich, dass Frauen eigenständig einen Beruf ausübten, jedenfalls nicht in dieser Zeit. Um 1920 war man verheiratet, blieb zu Hause und versorgte den Haushalt oder leitete die Geschicke in einem Haushalt.
Sie überlegte hin und her, studieren wäre auch nicht schlecht. Die Voraussetzungen dafür hatte sie. Biologie würde ihr gefallen. Es arbeitete in ihrem Kopf. Leicht würde es nicht werden, sich in einer  männerorientierten Welt zu behaupten. Der Plan wuchs. Sie hatte jetzt ihr Ziel vor Augen. Dafür wollte sie kämpfen.

Schreibimpuls: Liegende Dame in Grün (1919) von Gabriele Münter 

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