Valerie
Das Buch
Als
sie ihm sagte, sie wolle, ja, sie könne nicht weitermachen, hatte sie erwartet,
dass er sehr ärgerlich werden würde. Wurde er aber nicht. Er nickte nur und
sagte, sie habe zum Modell sitzen tatsächlich nicht das geringste Talent. Und
es sei für beide, für sie und ihn, eine Qual gewesen und gut, dass es nun vorbei
sei.
Er
lud sie sogar zu einem Glas Wein in einer Bodega ein. Und zum ersten Mal fand
sie ihn sympathisch. Ihr wurde klar, dass er nicht nur irgendein Maler war,
sondern sie sah den Menschen dahinter, einen, der Geldsorgen hatte, eine
Familie - Frau und zwei Kinder -ernähren musste und sie wurde der Unsicherheiten
gewahr, die ihn plagten ob seines Talents. Ob es ausreichend sei, fragte er
sich in dunklen Stunden wieder und wieder. Sie sprach ihm Trost zu, denn dazu
hatte sie ein weitreichendes Talent, üppig wie ihre runden fraulichen Formen.
Er
dankte ihr und fragte, ob sie sich etwas wünsche. Zur Erinnerung an ihr erstes
und einziges Modell sitzen. „Ja“, sagte sie. „Das Buch, das so schwer auf
meinem Bein lastete, das würde mich als Abschiedsgeschenk freuen.“
Einige
Tage später erhielt sie es mit der Post. Er hatte es liebevoll eingewickelt, in
einem mit bunten Farben beklecksten Papier aus dem Atelier. Ihr Mann meinte
scherzhaft, sie solle es gut aufbewahren, vielleicht brächte es später mal gutes Geld auf dem
Kunstmarkt. Als sie das Buch auspackte, staunte sie. Es war eine Abhandlung über
die Sterne bei Nacht, die auf uns herab leuchten aus dem Dunkel der Ewigkeit.
Es wurde ihr Lieblingsbuch.
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