Cordula
Der
Ahorn spricht
Voriges Jahr habe ich sehr gelitten.
Im Februar haben mich die schweren Stürme arg gerüttelt
und geschüttelt, so, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen. Ich war nahe
am Zusammenbrechen. Dann ab Mai begann die lange Zeit der starken Hitze, also gab
es keine Nahrung. Wasser hat mir auch keiner gegeben, obwohl meine Arme schlaff
herunterhingen. Bis in die Baumwipfel konnte ich dem Blattwerk nichts bieten,
so starben einige Arme einfach ab.
Ich muss ein sehr trauriges Bild abgegeben haben, denn
die Bewohner bestellten den Baumdoktor. Die erste Feststellung war, dass ich
gefällt werden sollte. Ich erschrak zutiefst. Mit dieser Aussage gaben sich die
Anwohner allerdings nicht zufrieden und holten eine zweite Auskunft ein. Nach
einer weiteren Inspektion redete man nur noch von „Entlastung“. Das hörte sich
schon besser an.Der Tag kam und mit schwerem Sägewerk rückte man mir zu
Leibe. Erstaunlicherweise tat es gar nicht weh.
Nun kann ich mein Haupt wieder gen Himmel strecken. Zu
trinken habe ich in diesem Jahr auch genug. Es ist herrlich, von Altlasten
befreit zu sein. Die Besucherschar in meinen Ästen zu beobachten ist eine wahre
Freude. Ab und zu spreche ich auch mit der Welt. Wenn es stürmt, lasse ich mein
Blattwerk ordentlich rauschen und rascheln. Manche Menschen finden es
unheimlich, aber das ist meine Art mit der Sprache herauszurücken.
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