Dienstag, 12. November 2019

Der Ahorn spricht


Cordula
Der Ahorn spricht

Voriges Jahr habe ich sehr gelitten.
Im Februar haben mich die schweren Stürme arg gerüttelt und geschüttelt, so, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen. Ich war nahe am Zusammenbrechen. Dann ab Mai begann die lange Zeit der starken Hitze, also gab es keine Nahrung. Wasser hat mir auch keiner gegeben, obwohl meine Arme schlaff herunterhingen. Bis in die Baumwipfel konnte ich dem Blattwerk nichts bieten, so starben einige Arme einfach ab.
Ich muss ein sehr trauriges Bild abgegeben haben, denn die Bewohner bestellten den Baumdoktor. Die erste Feststellung war, dass ich gefällt werden sollte. Ich erschrak zutiefst. Mit dieser Aussage gaben sich die Anwohner allerdings nicht zufrieden und holten eine zweite Auskunft ein. Nach einer weiteren Inspektion redete man nur noch von „Entlastung“. Das hörte sich schon besser an.Der Tag kam und mit schwerem Sägewerk rückte man mir zu Leibe. Erstaunlicherweise tat es gar nicht weh.
Nun kann ich mein Haupt wieder gen Himmel strecken. Zu trinken habe ich in diesem Jahr auch genug. Es ist herrlich, von Altlasten befreit zu sein. Die Besucherschar in meinen Ästen zu beobachten ist eine wahre Freude. Ab und zu spreche ich auch mit der Welt. Wenn es stürmt, lasse ich mein Blattwerk ordentlich rauschen und rascheln. Manche Menschen finden es unheimlich, aber das ist meine Art mit der Sprache herauszurücken.

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