Montag, 16. Dezember 2019

Nachbarn



Valerie 
Nachbarn 

Sheela Huhn – Joachim Bienenfresser – DHL-Laster – Kerze - Petroleumlape

Sowie sie Geräusche im Treppenhaus hörte, schlich Frau Huhn jedes Mal zur Tür und schaute durch den Spion. An dem Morgen im Dezember beobachtetet sie,  wie ihr Nachbar Herr Bienenfresser  in seinem affigen Radfahrer-Sportdress die Treppen hinunterschnellte. Sie mochte den Bienenfresser nicht und es war ihr widerlich, ihn in seinem engen Outfit zu sehen, in dem sich sein Geschlecht allzu deutlich abzeichnete. Traf sie ihn vor dem Hauseingang, wenn er sein Rad anschloss, schaute sie pikiert weg und dachte schnell an etwas anderes, zum Beispiel an die schwedische Kronprinzessin und ihren Mann, einem ehemaligen Fitnesslehrer, also auch sportlich, aber schicklich angezogen.
Da Herr Bienenfresser ihr freudig zu sein schien, was ungewöhnlich war, denn meist guckte er sauertöpfisch in die Welt und schimpfte über den ungetrennten  Abfall, den Familie Huhn hinterließ, da er also in ungewohnt entspannter Stimmung schien, war Frau Huhns  Neugierde entfacht und sie lugte hinter der Wohnzimmergardine, um herauszufinden, was  er vorhatte.
 Vor dem Haus parkte ein DHL-Laster und ein junger Farbiger mühte sich mit unzähligen riesigen und wie es schien schweren Paketen,  die er auf eine Lastkarre stapelte. Aber er war  ungeschickt oder in Zeitnot, jedenfalls fielen einige Pakete auf die Straße, schlugen aufs Pflaster und eines auch gegen Herrn Bienenfressers Fahrrad, das, wie sie von ihren Kindern wusste,  über 3.000 € gekostet hatte,  extra aus England geliefert worden und Bienenfressers ganzer Stolz war.
Der war inzwischen auch auf dem Bürgersteig angelangt und hatte das Malheur mit eigenen Augen ansehen müssen. Sofort polterte er los. Er war nicht nur militanter Nichtraucher, auch seine Wortwahl war nicht weniger militant und genauso unschicklich wie seine Geschlechtsbekleidung.
Frau Huhns großes Herz für Underdogs erwachte, sie schlüpfte aus ihren Pantoffeln, hinein in ihre Straßenschuhe, riss sich hastig die Kittelschürze über den Kopf, tüdelte die Lockenwickler aus ihrem Haar und stürzte die Treppen hinunter.
Inzwischen war es auf der Straße zu einem kleinen Tumult gekommen. Der Paketbote  hatte sich ängstlich in seinen Laster gerettet,  vor dem Herr Bienenfresser drohend seine Faust hob und in der anderen Hand mit seinem Handy fuchtelte. Die Polizei werde er rufen, grölte er. Frau Huhn beobachtete wie er das Paket, das sein Fahrrad geschrammt hatte, zur Seite fegte und es laut schepperte.  Sie ahnte Fürchterliches und ein Blick auf den Absender gab ihr Gewissheit. Es war das Geschenk für ihre Mutter, eine Petroleumlampe im antiken Stil, passend zur altdeutschen Wohnzimmereinrichtung. Sie erschrak und eine große Wut erfasste sie. Resolut und nicht minder laut als der Nachbar baute sie sich vor ihm auf. „Das war mein Paket, das Sie da zu Bruch geschleudert haben. Meine Petroleumlampe. Die werden Sie mir ersetzen.“
Herr Bienenfresser, mit Zornesfalten im roten Gesicht, erwiderte ebenfalls in Straßenlautstärke, Kerzen wären sowieso die bessere Wahl. Petroleumgestank sei gegen die Umwelt, die saubere. Aber davon hätte sie,  die nicht mal Grips genug zum Müll trennen  habe, ja keine Ahnung.
Ein Polizeiwagen war in die Straße gebogen. Die Polizisten fragten, was los sei. Herr Bienenfresser zeigte mit Bittermiene auf sein Fahrrad und Frau Huhn mit Tränen in den Augen auf ihr Paket. Die Polizisten murmelten was von Weihnachten und guter Nachbarschaft und wieder vertragen, stiegen in ihren Wagen und ließen Frau Huhn und Herrn Bienenfresser verdattert zurück.
„Die Petroleumlampe, die ersetzen Sie mir, darauf können Sie Gift nehmen“, zischte Frau Huhn in Richtung ihres  Nachbarn,  wandte sich zum Treppenhaus und ging siegesgewiss festen Schrittes  in ihre Wohnung zurück.  Ja, das Geld würde er ihr erstatten müssen. Da käme er nicht drum herum. Und sie würde von dem Geld eine schöne warme Bettjacke für ihre Mutter kaufen. Denn darüber würde die sich viel mehr freuen als über so eine olle Petroleumlampe.


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