Valerie
Nachbarn
Sheela Huhn –
Joachim Bienenfresser – DHL-Laster – Kerze - Petroleumlape
Sowie
sie Geräusche im Treppenhaus hörte, schlich Frau Huhn jedes Mal zur
Tür und schaute durch den Spion. An dem Morgen im Dezember beobachtetet
sie, wie ihr Nachbar Herr Bienenfresser in seinem
affigen Radfahrer-Sportdress die Treppen hinunterschnellte. Sie mochte den
Bienenfresser nicht und es war ihr widerlich, ihn in seinem engen Outfit zu
sehen, in dem sich sein Geschlecht allzu deutlich abzeichnete. Traf sie ihn vor
dem Hauseingang, wenn er sein Rad anschloss, schaute sie pikiert weg und dachte
schnell an etwas anderes, zum Beispiel an die schwedische Kronprinzessin und
ihren Mann, einem ehemaligen Fitnesslehrer, also auch sportlich, aber
schicklich angezogen.
Da
Herr Bienenfresser ihr freudig zu sein schien, was ungewöhnlich war, denn meist
guckte er sauertöpfisch in die Welt und schimpfte über den ungetrennten Abfall, den Familie Huhn hinterließ, da er
also in ungewohnt entspannter Stimmung schien, war Frau Huhns Neugierde entfacht und sie lugte hinter der
Wohnzimmergardine, um herauszufinden, was
er vorhatte.
Vor dem Haus parkte ein DHL-Laster und ein junger Farbiger mühte sich mit unzähligen
riesigen und wie es schien schweren Paketen,
die er auf eine Lastkarre stapelte. Aber er war ungeschickt oder in Zeitnot, jedenfalls
fielen einige Pakete auf die Straße, schlugen aufs Pflaster und eines auch
gegen Herrn Bienenfressers Fahrrad, das, wie sie von ihren Kindern wusste, über 3.000 € gekostet hatte, extra aus England geliefert worden und
Bienenfressers ganzer Stolz war.
Der
war inzwischen auch auf dem Bürgersteig angelangt und hatte das Malheur mit
eigenen Augen ansehen müssen. Sofort polterte er los. Er war nicht nur
militanter Nichtraucher, auch seine Wortwahl war nicht weniger militant und
genauso unschicklich wie seine Geschlechtsbekleidung.
Frau
Huhns großes Herz für Underdogs erwachte, sie schlüpfte aus ihren Pantoffeln,
hinein in ihre Straßenschuhe, riss sich hastig die Kittelschürze über den Kopf,
tüdelte die Lockenwickler aus ihrem Haar und stürzte die Treppen hinunter.
Inzwischen
war es auf der Straße zu einem kleinen Tumult gekommen. Der Paketbote hatte sich ängstlich in seinen Laster
gerettet, vor dem Herr Bienenfresser
drohend seine Faust hob und in der anderen Hand mit seinem Handy fuchtelte. Die
Polizei werde er rufen, grölte er. Frau Huhn beobachtete wie er das Paket, das
sein Fahrrad geschrammt hatte, zur Seite fegte und es laut schepperte. Sie ahnte Fürchterliches und ein Blick auf
den Absender gab ihr Gewissheit. Es war das Geschenk für ihre Mutter, eine Petroleumlampe im antiken Stil, passend
zur altdeutschen Wohnzimmereinrichtung. Sie erschrak und eine große Wut
erfasste sie. Resolut und nicht minder laut als der Nachbar baute sie sich vor
ihm auf. „Das war mein Paket, das Sie da zu Bruch geschleudert haben. Meine
Petroleumlampe. Die werden Sie mir ersetzen.“
Herr
Bienenfresser, mit Zornesfalten im roten Gesicht, erwiderte ebenfalls in
Straßenlautstärke, Kerzen wären
sowieso die bessere Wahl. Petroleumgestank sei gegen die Umwelt, die saubere.
Aber davon hätte sie, die nicht mal
Grips genug zum Müll trennen habe, ja
keine Ahnung.
Ein
Polizeiwagen war in die Straße gebogen. Die Polizisten fragten, was los sei.
Herr Bienenfresser zeigte mit Bittermiene auf sein Fahrrad und Frau Huhn mit
Tränen in den Augen auf ihr Paket. Die Polizisten murmelten was von Weihnachten
und guter Nachbarschaft und wieder vertragen, stiegen in ihren Wagen und ließen
Frau Huhn und Herrn Bienenfresser verdattert zurück.
„Die
Petroleumlampe, die ersetzen Sie mir, darauf können Sie Gift nehmen“, zischte
Frau Huhn in Richtung ihres
Nachbarn, wandte sich zum
Treppenhaus und ging siegesgewiss festen Schrittes in ihre Wohnung zurück. Ja, das Geld würde er ihr erstatten müssen.
Da käme er nicht drum herum. Und sie würde von dem Geld eine schöne warme
Bettjacke für ihre Mutter kaufen. Denn darüber würde die sich viel mehr freuen
als über so eine olle Petroleumlampe.
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