Sonntag, 22. Dezember 2019

Weihnachten in den fünfziger Jahren


Marlene
Weihnachten in den fünfziger Jahren

In Gesas Familie sollte der Ablauf am Heiligen Abend immer gleich sein. So war es Brauch. Der Vater achtete sehr darauf.
Nach dem Kirchenbesuch mit Mutter, Großmutter und Bruder Klaus gab es Kartoffelsalat mit Würstchen und Senf. Später auch mit Ketchup. 
Nach dem gemeinsamen Essen, wurde alles wieder in Ordnung gebracht. Danach gingen alle in die gute Stube. Dort stand der geschmückte Tannenbaum mit der vertrauten goldenen Spitze und den goldenen Kugeln und ganz viel Lametta.
Vater hatte schon die Kerzen angezündet. Auf dem großen Tisch verbargen sich unter einem großen Tischtuch die Geschenke und bunten Teller. Nun wurde erst einmal gemeinsam gesungen, natürlich auswendig: ”Oh, Tannenbaum” und “Stille Nacht“. Dann sollten Klaus und Gesa je ein Gedicht aufsagen. Klaus als der Ältere begann: ”Denkt euch ich habe das Christkind gesehn…”
Zweimal blieb er hängen, aber es klappte doch recht gut. Vater machte ein wohlwollendes Gesicht mit nur wenigen Querfalten auf der Stirn.
Nun war Gesa dran. Sie war heute irgendwie aufgeregt, schaute immer wieder auf das Tischtuch unter dem sich die Geschenke türmten. Ob ihre heiß ersehnte Puppe mit den Zöpfen dabei war?
“Von drauß vom Wald da komm ich her”, kam wie von selbst aus ihrem Mund. Aber dann... Stille. Nichts mehr. Sie brachte kein weiteres Wort heraus.
Die Falten auf Vaters Stirn breiteten sich aus. Mutter blickte aufmunternd, aber es half nichts. Sie wiederholte nochmal “Von drauß vom Wald da komm ich her…“ Schluss, Aus, Ende. Was nun?
Da war plötzlich die Stimme von Großmutter zu hören, ganz leise sagte sie das Gedicht zu Ende auf. Dann wieder... Stille. Die Kerzen flackerten. Dann räusperte sich der Vater. ”Tja, was machen wir jetzt mit Gesas Geschenken?“ Um sie zu erhalten war ein Gedicht aufsagen immer die Bedingung. Alle blickten auf Vater und warteten gespannt.

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