Marlene
Weihnachten in den
fünfziger Jahren
In
Gesas Familie sollte der Ablauf am Heiligen Abend immer gleich sein. So war es
Brauch. Der Vater achtete sehr darauf.
Nach
dem Kirchenbesuch mit Mutter, Großmutter und Bruder Klaus gab es Kartoffelsalat
mit Würstchen und Senf. Später auch mit Ketchup.
Nach
dem gemeinsamen Essen, wurde alles wieder in Ordnung gebracht. Danach gingen
alle in die gute Stube. Dort stand der geschmückte Tannenbaum mit der
vertrauten goldenen Spitze und den goldenen Kugeln und ganz viel Lametta.
Vater
hatte schon die Kerzen angezündet. Auf dem großen Tisch verbargen sich unter
einem großen Tischtuch die Geschenke und bunten Teller. Nun wurde erst einmal
gemeinsam gesungen, natürlich auswendig: ”Oh, Tannenbaum” und “Stille Nacht“.
Dann sollten Klaus und Gesa je ein Gedicht aufsagen. Klaus als der Ältere
begann: ”Denkt euch ich habe das Christkind gesehn…”
Zweimal
blieb er hängen, aber es klappte doch recht gut. Vater machte ein wohlwollendes
Gesicht mit nur wenigen Querfalten auf der Stirn.
Nun
war Gesa dran. Sie war heute irgendwie aufgeregt, schaute immer wieder auf das
Tischtuch unter dem sich die Geschenke türmten. Ob ihre heiß ersehnte Puppe mit
den Zöpfen dabei war?
“Von
drauß vom Wald da komm ich her”, kam wie von selbst aus ihrem Mund. Aber
dann... Stille. Nichts mehr. Sie brachte kein weiteres Wort heraus.
Die
Falten auf Vaters Stirn breiteten sich aus. Mutter blickte aufmunternd, aber es
half nichts. Sie wiederholte nochmal “Von drauß vom Wald da komm ich her…“
Schluss, Aus, Ende. Was nun?
Da
war plötzlich die Stimme von Großmutter zu hören, ganz leise sagte sie das
Gedicht zu Ende auf. Dann wieder... Stille. Die Kerzen flackerten. Dann
räusperte sich der Vater. ”Tja, was machen wir jetzt mit Gesas Geschenken?“ Um
sie zu erhalten war ein Gedicht aufsagen immer die Bedingung. Alle blickten auf
Vater und warteten gespannt.
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