Montag, 4. Mai 2020

Coronabericht


Wendula
Coronabericht

Drei Anrufe. Ich werde gefragt – drei Mal - wie ich mit dieser Situation zurechtkomme.
Ich kann heute zugeben, dass mich die Einschränkungen ziemlich wenig belasten. Nur morgens, nach einem meistens langen Schlaf, schleicht sich oft eine Traurigkeit ein. Da hilft es, wenn die Sonne scheint und ich mir immer wieder sagen kann: Komm, du hast keine Eile, kein Termin verlangt deine Anwesenheit, nichts ist außer Haus zu erledigen, keiner wartet auf dich, niemand wird dich besuchen.
Erstmal kann ich mich im Nachthemd informieren, ob in meinem kleinen Gärtchen die Kamelien-Knospen Farbe bekennen. Sind alle vier überhaupt noch da? Oder hat das Eichhörnchen heute vielleicht vegetarisch gefrühstückt? Das würde ich übelnehmen.
Mein kleines Naturparadies ist der Freudenbringer in diesen Tagen. Und auch als Konversationsthema und zum Erfahrungsaustausch mit meinen Nachbarn ist er von größter Wichtigkeit.

Der kleine Haushalt will versorgt sein. Abwaschen in der Schüssel. Mit Argusaugen den Fußboden von Schnipseln, Blättchen und Wollmäusen befreien, aufräumen, alles immer wieder an den gleichen Platz bringen, Müll entsorgen, wobei ich mich immer wieder fragt wieso man so viel Abfall im Einpersonenhaushalt produziert. Dann mal gucken was die Gemüsekiste zum Thema Mittagessen bietet.
Da ja das Einholen total ausfällt, fehlt auch die Anregung und so greife ich zurück auf verschrumpelte Rote Bete, keimende Zwiebeln und uralte Süßkartoffeln.
Zwischendurch geht das Telefon. Ich kann mich nicht erinnern, täglich so lange Gespräche gehabt zu haben. Alle haben Zeit. Die erstaunlichsten Leute rufen an - wie nett, wie vertraut und wie liebevoll kann ein Gespräch sein, oder ein E-Mail zur rechten Zeit. Vorausgesetzt, der PC tut das, was man von ihm erwartet, z.B. die Einkaufsliste an meinen Sohn weiter zu geben. Die Lebensmittel sind dann am Freitagnachmittag da, das Highlight der Woche.
Vor der Tür zum Innenhof stehen die Einkäufe, mein Sohn wartet draußen, während ich eile, um mein Portemonnaie zu suchen.
Wenn alles in der Küche gelandet ist, beziehe ich auf einem
Hocker Position vor dem Kühlschrank. Ist vielleicht noch ein uralt
Jogurt zu entsorgen? Ein Käserest, der sich nicht mehr reiben lässt,
könnte auch verschwinden, und wo finde ich für alles einen Platz?
Brauche ich wirklich so viel?
Nun wird es Zeit zur Körperertüchtigung. 12 Kniebeugen an der Stange im Wintergarten, dabei nicht vergessen, den Haustürschlüssel dabei zu haben und dann der tägliche Spaziergang in den Rathenaupark, zur Elbaussicht, zur gigantischen Magnolie im Philosophenweg oder zum Friedhof um die
jahreszeitlichen Naturwunder zu bestaunen. Wobei mir dieses Jahr auffällt, dass eine ganz besondere Tulpe, die  gerade bei mir aufblüht, fast auf jedem Grab zu finden ist, leuchtend warmes Rot mit  einem Schuss Creme  fraiche - das muss bei Lidl eine Riesenlieferung gewesen sein!

Der Gang durch Otttensen bietet momentan allerlei Skurriles. Es wird offensichtlich ausgemistet: Kisten mit Büchern, Kinderkleidung, Küchenutensilien, Spielzeugreste, komplette Schankanlagen, auf Müllcontainern ausgestellte Vasen aus Glass, Porzellan, Steingut - meist schmutzig und fast immer hässlich.
Aber der Blick geht in alle Richtungen, so entdecke ich zwischen Pflastersteinen kleine Veilchen und aus einer Steinmauer traut sich eine leuchtend blaue Perlhyazinthe. Kleine, etwas triste Vorgärten überraschen mit Lerchensporn und Scharbockskraut – mal beobachten ob im Laufe des Monats auch ausrangierte Gartengeräte und Fahrräder sowie alte Bretter ihren Weg zum Sperrmüll finden.

Ich erreiche die Ottenser Hauptstraße. Nur wenige Menschen schlendern durch die Fußgängerzone. Viele kleine Läden sind zugehängt, manche haben Zettelchen an ihre Schaufenster geklebt. Mit E-Mail-Adresse und Telefonnummer werben sie um Kundschaft. Ganz stark überträgt sich die Angst und Existenzsorge auf mich, der Betrachterin der etwas verstaubten Auslagen.

Vor dem Eisladen hat sich keine Schlange gebildet. Ich grabe in meiner Hosentasche nach Kleingeld und tatsächlich, genau 1,30 Euro kommt ans Tageslicht. Grade genug für eine Kugel Zitronen-Jogurt-Eis. Eine Bank mit einem Sonnenfleck lädt ein, mit der kleinen orangen Schaufel das Eis ganz langsam zu genießen. Schwerfüßig mache ich mich auf den Weg zum Busbahnhof. Will ich wirklich den Bus nutzen? Ich lasse einen 15er vorbeifahren, zwei Fahrgäste. Beim nächsten ein Fahrgast und ein Fahrrad!
Ich ziehe den Schal vor Mund und Nase und steige ein. Sieben Minuten später bin ich am Ziel. Der Schlüssel ist da, wo er hingehört.
Die Hände werden sehr sorgfältig desinfiziert und beim Betreten meiner kleinen Wohnung spielen die Worte Zuhause und Kuschelnest eine große Rolle. Beim Vorbeigehen am großen Spiegel im Flur seit Tagen der gleiche Eindruck - ganz oben brauche ich professionelle Hilfe nämlich Frisör. Und auch ganz unten, Fußpflege. Aber wir lernen ja gerade Geduld zu haben.
Und abends hänge ich schon wieder vorm Fernseher. Wahre Datenfluten in Sachen Corona werden über den Betrachter ausgeschüttet. Ich will nichts mehr hören und sehen. Vielleicht gibt es etwas Spannendes über Ameisen, Korallen oder Spinnen auf einem der vielen anderen Sender.
Aber heute? Nein! Acht Krimis um 20:15 Uhr zur freien Wahl. Das macht mich wütend! Bei allem, was in der Welt momentan passiert, muss ich nicht mit Brutalität und Anleitungen zu Grausamkeiten konfrontiert werden. 
Frustriert verlasse ich meinen Sessel. Ich beende die Vorstellung und lasse nichts mehr von dieser verrückten Welt in meinen Kopf, sondern trete noch mal auf meine kleine Terrasse, um nach dem Mond zu gucken. Der sieht aus wie immer. Dann mach ich es mir mit einem interessanten Buch gemütlich in meinem großen Bett.  
Am nächsten Morgen: Die Sonne scheint schon wieder und die
Kamelien werden kräftig rosa!!!

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