Montag, 15. Juni 2020

Der Boxer Benno


Valerie
Der Boxer Benno - Ein Bericht aus schweren Zeiten  

Alina haderte mit ihrem Leben. Wegen der geltenden Beschränkungen durfte sie nicht mehr zur Arbeit gehen. Ihr kleiner Nebenjob galt als nicht systemrelevant. Zur Aufbesserung ihrer kleinen Rente, ihres eigenen Systems, war er das aber doch.
Ihre Nachbarin, die Frau Seibert, die hatte es in der Pandemie besser getroffen. Sie änderte auch weiterhin Röcke, kürzte Kleider, flickte zerrissene Kinderhosen und verdiente sich damit unter der Hand manch hübsches Sümmchen. Jetzt stand die Nähmaschine der Nachbarin gar nicht mehr still. Sie ratterte Tag und Nacht, so dass Alina von dem Dauergeräusch schon der Kopf schmerzte. Bei der Nachbarin klingelte es ständig an der Tür. Alle wollten einen Mundschutz, einen in bunten Farben und schönsten Mustern. Und Frau Seibert lieferte: akkurat, pünktlich preiswert. Auch Alina hatte sich bei der Nachbarin schon Masken besorgt, in einem hellen Violett, mit gelben Stiefmütterchen darauf. Denn das waren ihre Lieblingsblumen.
Auch wenn Alina im Grunde ihres Herzens kein neidischer oder missgünstiger Mensch war, so haderte sie eben doch mit ihrem Schicksal. Bis die Ausgangssperre erlassen wurde.
Diese traf alle gleichermaßen. Bis auf Ausnahmen, die es bei jeder Regel gibt. Hierzu zählten dieses Mal die Hundebesitzer. Und Alina besaß einen Hund! Den Boxer Benno.
Benno war zwar nicht mehr der Allerjüngste, aber immer noch von gutmütiger Vergnügtheit. Alina schnappte sich die Hundeleine und ging mit Benno Gassi. Sie wusste, dass die Nachbarn hinter ihren Gardinen sie um diesen Gang heftig beneideten. Und es gab ihr endlich wieder ein gutes Gefühl.
Und dann klingelte es nicht bei der Seibert, sondern bei ihr an der Tür. Ob man den Benno mal Gassi führen dürfe? Alina verstand nicht gleich, was das Schicksal ihr in die Hand spielte. Es dauerte einen Moment, aber dann hatte sie begriffen, wie sie den Verlust ihres Jobs ausgleichen konnte. Sie entschied sich für 5 Euro für eine halbe Stunde. Das war länger als die Runde um den Block eigentlich dauerte, aber sie, Alina, war ja kein Unmensch. 
Schon kurz darauf musste sie im Treppenhaus eine Liste aufhängen, auf die sich die Interessenten eintragen konnten. Die aus ihrem Haus, wie auch die aus angrenzenden Häusern. Schon bald reichte nicht mehr nur ein Blatt. Benno war restlos ausgebucht.
Die ersten Tage verliefen glänzend und der Euro rollte. Doch gegen Mitte der folgenden Woche stellten sich erste Probleme ein. Wobei die Lösung zugleich das Problem war: Benno schwächelte.
Hatte der Hund zunächst bei jedem Klingeln erfreut mit dem Schwanz gewedelt, war am Nachbarn hochgesprungen  und mit ihm die Treppen hinunter gewetzt, lief er nun, sobald die Klingel ertönte, wie der Blitz ins Schafzimmer und verkroch sich unter Alinas Bett. Und hatte sie ihn anfangs noch mit Leckerlis darunter hervorlocken, ihm eine Leine umlegen und den widerstrebenden Hund zur Haustür zerren können, von wo der Nachbar das winselnde Tier dann die Treppen hinunter und auf die Straße schleifte, waren später auch Leckerlis keine Hilfe mehr. Benno sabberte unter Alinas Bett vor sich hin, knurrte grimmig, sowie man nach ihm schaute, und war nicht zu bewegen, wieder hervorzukriechen.
Als er auch noch begann, seine Geschäfte dort zu erledigen, statt an einem Baum zu verrichten, stellte Alina seufzend ihren Dienst am Mitmenschen ein. Sie nahm die Anmeldelisten ab, schrieb, dass Benno unpässlich sei und vorerst nicht ausgehfähig. 
Von diesem Ausgeh-Trauma sollte der Hund sich nie wieder erholen. Nur wenige Wochen später hauchte er eines Nachts sein Leben aus.
Alina begrub ihn. Und kaufte sich eine Nähmaschine.    

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