Valerie
Der
Boxer Benno - Ein Bericht aus schweren Zeiten
Alina
haderte mit ihrem Leben. Wegen der geltenden Beschränkungen durfte sie nicht mehr
zur Arbeit gehen. Ihr kleiner Nebenjob galt als nicht systemrelevant. Zur Aufbesserung ihrer kleinen Rente, ihres
eigenen Systems, war er das aber doch.
Ihre
Nachbarin, die Frau Seibert, die hatte es in der Pandemie besser getroffen. Sie
änderte auch weiterhin Röcke, kürzte Kleider, flickte zerrissene
Kinderhosen und verdiente sich damit
unter der Hand manch hübsches Sümmchen. Jetzt stand die Nähmaschine der
Nachbarin gar nicht mehr still. Sie ratterte Tag und Nacht, so dass Alina von
dem Dauergeräusch schon der Kopf schmerzte. Bei der Nachbarin klingelte es
ständig an der Tür. Alle wollten einen Mundschutz, einen in bunten Farben und
schönsten Mustern. Und Frau Seibert lieferte: akkurat, pünktlich preiswert. Auch
Alina hatte sich bei der Nachbarin schon Masken besorgt, in einem hellen Violett, mit gelben
Stiefmütterchen darauf. Denn das waren ihre Lieblingsblumen.
Auch
wenn Alina im Grunde ihres Herzens kein neidischer oder missgünstiger Mensch war, so haderte sie eben doch mit ihrem
Schicksal. Bis die Ausgangssperre erlassen wurde.
Diese
traf alle gleichermaßen. Bis auf Ausnahmen, die es bei jeder Regel gibt. Hierzu zählten dieses Mal die
Hundebesitzer. Und Alina besaß einen Hund! Den Boxer Benno.
Benno
war zwar nicht mehr der Allerjüngste, aber immer noch von gutmütiger
Vergnügtheit. Alina schnappte sich die Hundeleine und ging mit Benno Gassi. Sie
wusste, dass die Nachbarn hinter ihren Gardinen sie um diesen Gang heftig
beneideten. Und es gab ihr endlich wieder ein gutes Gefühl.
Und
dann klingelte es nicht bei der Seibert, sondern bei ihr an der Tür. Ob man den
Benno mal Gassi führen dürfe? Alina verstand nicht gleich, was das Schicksal ihr
in die Hand spielte. Es dauerte einen Moment, aber dann hatte sie begriffen,
wie sie den Verlust ihres Jobs ausgleichen konnte. Sie entschied sich für 5
Euro für eine halbe Stunde. Das war länger als die Runde um den Block
eigentlich dauerte, aber sie, Alina, war ja kein Unmensch.
Schon kurz
darauf musste sie im Treppenhaus eine
Liste aufhängen, auf die sich die Interessenten eintragen konnten. Die aus
ihrem Haus, wie auch die aus angrenzenden Häusern. Schon bald reichte nicht
mehr nur ein Blatt. Benno war restlos ausgebucht.
Die
ersten Tage verliefen glänzend und der Euro rollte. Doch gegen Mitte der
folgenden Woche stellten sich erste Probleme ein. Wobei die Lösung zugleich das
Problem war: Benno schwächelte.
Hatte
der Hund zunächst bei jedem Klingeln erfreut mit dem Schwanz gewedelt, war am
Nachbarn hochgesprungen und mit ihm die
Treppen hinunter gewetzt, lief er nun, sobald
die Klingel ertönte, wie der Blitz ins Schafzimmer und verkroch sich unter
Alinas Bett. Und hatte sie ihn anfangs noch mit Leckerlis darunter hervorlocken, ihm eine Leine umlegen und den widerstrebenden Hund zur Haustür
zerren können, von wo der Nachbar das winselnde Tier dann die Treppen hinunter und auf die Straße
schleifte, waren später auch Leckerlis
keine Hilfe mehr. Benno sabberte unter Alinas Bett vor sich hin, knurrte
grimmig, sowie man nach ihm schaute, und
war nicht zu bewegen, wieder hervorzukriechen.
Als
er auch noch begann, seine Geschäfte dort zu erledigen, statt an einem Baum zu
verrichten, stellte Alina seufzend ihren Dienst am Mitmenschen ein. Sie nahm die
Anmeldelisten ab, schrieb, dass Benno unpässlich sei und vorerst nicht
ausgehfähig.
Von
diesem Ausgeh-Trauma sollte der Hund sich nie wieder erholen. Nur wenige Wochen
später hauchte er eines Nachts sein Leben aus.
Alina begrub ihn. Und kaufte sich eine
Nähmaschine.
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