Samstag, 26. Januar 2013


Dagmar
Erinnerungen an meine Kinderzeit im Winter

Es war sehr kalt in unserem Schlafzimmer als meine Schwester mich morgens weckte. Weiße Eisblumen, Blütenknospen und Blumenblätter verzierten das Schlafzimmerfenster. Auf meinem Weg vom Flur in die Küche beobachtete ich meinen Vater, der damit beschäftigt war, den über Nacht eingefrorenen Hauptstrang unserer Wasserleitung mit einer Lötlampe aufzutauen. Von mir aus konnte er sich ruhig Zeit lassen, denn nun konnte und brauchte ich mich nicht zu waschen.
Meine um viele Jahre ältere Schwester saß in der warmen Küche vor dem Spinnrad; neben ihr im Korb lag eine Menge geschorener Schafwolle, die sie zu Strickgarn verarbeitete.
Der Herd in unserer Küche wurde mit Torfscheiten beheizt, die wir in den Sommermonaten im Moor gestochen und an der Sonnenseite unseres Hauses aufgestapelt hatten. Einen großen Holzvorrat hatten wir damals nicht; Briketts und Kohlen waren knapp und wurden zugeteilt.
Nach dem Frühstück zog ich meine selbst gestrickten Wollstrümpfe an, schlüpfte in die im Backofen vorgewärmten Stiefel und begab mich auf den Schulweg.
Nachmittags warteten meine Spielkameraden vor unserer Gartenpforte ungeduldig auf mich. Dann befestigten wir unsere Schlittschuhe auf den Schlitten und stapften auf verschneiten Feldwegen. Mit jedem Schritt knirschte der Schnee unter unseren Schuhsohlen.
In den Wintermonaten waren die Alsterauen unser Tummelplatz.
Wir liebten es, die steilen und engen Abhänge am Alsterwanderweg hinab zu sausen. Auf schmalen holprigen Rodelpisten zwischen hohen Buchen und über knochige Baumwurzeln mussten unsere Schlitten ihre Belastungsprobe bestehen.
Langeweile kannten wir nicht; der zugefrorene Kupferteich war der Anziehungspunkt für alle Schlittschuhläufer. Auf dieser großen Eislauffläche hatten wir reichlich Platz, um schwungvoll vor- und rückwärts über das Eis zu gleiten und unsere Pirouetten zu drehen.
Ab und zu machten wir eine Pause, um zu schwatzen. Dann konnte es vorkommen, dass das Eis unter uns laut knackte. Um nicht einzubrechen, stoben wir in alle Richtungen. Ich werde nie die stöhnenden, dumpf glucksenden Eisgeräusche dabei vergessen.
Meine Schulkameraden hatten sich aus dicken Ästen Hockeyschläger gebastelt und eine Hockeymannschaft gebildet. Ein flacher Stein diente als Puck. Hungrig und mit nassen Hosen machten wir uns erst bei Einbruch der Dunkelheit auf den Heimweg.

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