Sonntag, 10. Februar 2013


Evelyne
Die Kehrseite eines normalen Winters

Die Erinnerungen an den kalten, schrecklichen Winter im Jahr 1946/47 sind unauslöschlich im Gedächtnis geblieben.
Berlin lag in Trümmern. Die wenigen Wohnungen, die halbwegs heil geblieben waren, waren überbelegt. Die Menschen mussten zusammen-rücken und Platz schaffen für diejenigen, die keine Bleibe mehr hatten. Nach vielem Hin-und Herziehen bekamen wir eine Wohnung in der Rupprechtstraße 1 zugewiesen. Die regulären Mieter waren während des Krieges fortgezogen und so gab es Raum für uns. Wir lebten in den Möbeln und Gegenständen, die die Vorbesitzer dort zurückgelassen hatten. Unsere neue Behausung war bombenbeschädigt. In der linken Außenecke des größeren Zimmers gab es einen notdürftig geflickten, mit einem Stück Holz belegten Fußboden. Von dieser Ecke kam viel Kälte in den Raum, weil auch die Außenmauer nur behelfsmäßig repariert war.
Statt Fensterscheiben war Draht-Glas auf die Fensterrahmen genagelt. Der Ersatz machte das Zimmer zwar hell, doch er dichtete kaum ab, so dass wir schrecklich froren. Nur am Kachelofen war es schön warm. Alle Bretter vom Dachboden, alles Brennbare wurde verheizt. Am liebsten saßen wir auf der Ofenbank und wärmten den Rücken. Doch welche Not! Eines Morgens war auch noch die Wasserleitung eingefroren. Auch in den Eimern und Schüsseln war alles zu Eis erstarrt. Das Übelste aber war, dass wir auch die Toilette nicht mehr benutzen konnten.
Als ehemalige Bewohner einer Luxus-Wohnung mit Heizung und Wasser-versorgung standen wir ziemlich ratlos vor diesen Ereignissen. Wir mussten unsere Notdurft auf Eimern verrichten und diese trugen wir dann vier Stockwerke hinunter zum Entleeren in den Hofgarten. An Klempner und Handwerker, die uns hätten helfen können, den Zustand zu beenden, fehlte es.
Irgendwann half uns der Hausmeister und reparierte die geborstene Wasserleitung. Nun wurde es wieder möglich, ein warmes Wassersüppchen und eine Tasse heißen Tees zu uns zu nehmen.     

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