Sonntag, 10. Februar 2013


Waltraud
Nie wieder übers Eis

Im sehr kalten Winter 1941/42 war in Sachsen die Elbe zugefroren. Wochen mit Kälte von minus zwanzig Grad machten es möglich von einem zum anderen Ufer zu laufen. Diese seltene Gelegenheit wollten wir Nachbarskinder uns nicht entgehen lassen.  
Vor der Eisenbahnbrücke staute sich das Eis zu bizarr geschichteten Eistürmen. Zwischen den übereinander liegenden Eisschollen gab es einen markierten Pfad. Der fest getretene Schnee knirschte unter den Schuhen. Vom Eis kamen merkwürdig knackende Geräusche.
Ich dachte an das fließende Wasser unter dem Eis und hatte Angst hinüber zu gehen. Am liebsten wäre ich umgekehrt, doch ein Feigling wollte ich nicht sein. Deshalb lief ich besonders schnell ans andere Ufer, sodass ich trotz der großen Kälte zu schwitzen begann. Der eisige Wind zwickte im Gesicht, Hände und Füße schmerzten vor Kälte. Der Weg zurück wurde zur Qual. Erschöpft und durchgefroren kam ich zu Hause an. Vati rieb mir Gesicht, Hände und Füße mit Schnee ab, um die Durchblutung anzuregen und einer Erkältung vorzubeugen. Nie wieder wollte ich übers Eis gehen - bis heute war ich nicht auf der zugefrorenen Alster.

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