Dienstag, 12. Februar 2013


Jutta
Wasser
In meiner Kindheit waren die Winter sehr kalt und lang. Es gab noch keine Mehrfach-Verglasung wie heute und unsere Fenster waren bis zu einem Drittel mit bizarren Blumen aus Eis geschmückt. Wir Kinder schoben Stühle vor die Fensterbank und konnten so bequem die kristallinen Formen bewundern. Die Kälte drang zu uns rüber; es zog gewaltig durch die Ritzen. Mit den Fingern strichen wir über die Eisblumen, die durch unsere Wärme zu schmelzen begannen. Die Finger waren dann ganz gelb und taub. Wir mussten unsere Hände ordentlich aneinander reiben, damit wir wieder Gefühl in ihnen bekamen. Wurde es draußen wärmer, konnten wir beobachten, wie die Eisgebilde an der Scheibe schmolzen und auf der Fensterbank als Wasser zusammenflossen. In kalten Wintertagen holten wir uns Schneebälle in die Wohnung. Wir formten daraus Schneemänner, die wir auf Tellern auf die Fensterbank stellten. Dort hielten sie sich eine Weile. Wir schauten täglich nach, ob sie ihre Form wahrten, bis sie eines Tages wieder zu Wasser wurden.

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