Jutta
Wasser
In
meiner Kindheit waren die Winter sehr kalt und lang. Es gab noch keine Mehrfach-Verglasung
wie heute und unsere Fenster waren bis zu einem Drittel mit bizarren Blumen aus
Eis geschmückt. Wir Kinder schoben Stühle vor die Fensterbank und konnten so
bequem die kristallinen Formen bewundern. Die Kälte drang zu uns rüber; es zog
gewaltig durch die Ritzen. Mit den Fingern strichen wir über die Eisblumen, die
durch unsere Wärme zu schmelzen begannen. Die Finger waren dann ganz gelb und taub.
Wir mussten unsere Hände ordentlich aneinander reiben, damit wir wieder Gefühl
in ihnen bekamen. Wurde es draußen wärmer, konnten wir beobachten, wie die
Eisgebilde an der Scheibe schmolzen und auf der Fensterbank als Wasser
zusammenflossen. In kalten Wintertagen holten wir uns Schneebälle in die
Wohnung. Wir formten daraus Schneemänner, die wir auf Tellern auf die
Fensterbank stellten. Dort hielten sie sich eine Weile. Wir schauten täglich
nach, ob sie ihre Form wahrten, bis sie eines Tages wieder zu Wasser wurden.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen