Sonntag, 4. August 2013

Wendula
Eine meiner ersten Reisen

1940 gab es in Deutschland noch überall Kinderheime und es war üblich, seinen Nachwuchs im Sommer für ein paar Wochen dort unterzubringen.
Für mich schien das eine ganz aufregende Einrichtung zu sein und so fuhr ich mit Vetter und Cousine im Hochsommer 1940, begleitet von einer Tante, in die Rhön nach Schwarzerden.
Den ersten Leibniz-Keks gab es frühestens nach der Überquerung der Elbe.
Die erste große Enttäuschung war dann die Fahrt über die Weser - die hatte ich mir so vorgestellt wie die Elbe bei Blankenese. Irgendwann spätnachmittags erreichten wir endlich unser Ziel.
Alles war sehr einfach, die Zimmer, die Betten, die Schränke aber dafür wurden unter Bäumen, quasi im Wald, die Tische für ein frühes Abendessen gedeckt. Ganz fabelhaft fand ich das.
Es wurde gegongt, alle versammelten sich und im Stehen, angefasst an den Händen, wurde gemeinsam Folgendes aufgesagt:

"Erde die uns dies gebracht, Sonne die es reif gemacht,
liebe Sonne, liebe Erde, euer nie vergessen werde -
Guten Hunger!"

Irgendwie befremdlich, ich war gewohnt, ein kurzes Gebet zu sprechen was mit "Amen" endete. Den ersten Abend gab es aus großen Kübeln, die von größeren Kindern rangeschleppt wurden, eine Suppe aus Himbeeren und Bickbeeren, angedickt mit Sago. Schrecklich, denn Sago war das Ungeliebteste in meiner Kindheit - Froschlaich!

Mein Magen konnte sich nach all den Aufregungen und neuen Eindrücken nicht damit anfreunden und schwupps, nahm die Suppe den Weg rückwärts. Von da an war ich gebrandmarkt: Zu zart, um die Essenskübel zu tragen und zu schwach, um die Wanderung zur
Wasserkuppe mitzumachen. Ich fühlte mich scheußlich, ungeliebt und hieferig. Da nützte auch die liebevolle Betreuung der Bäuerin, die den angeschlossenen Hof bewirtschaftete und die mir eine Riesenscheibe Bauernbrot, die sie auf ihrem großen Busen mit einem gewaltigen Messer abschnitt und dick mit Butter und Honig beschmierte, wenig.

Wahrscheinlich erholte ich mich im Laufe der Wochen so gut, dass ich irgendwann doch noch die Wasserkuppe erwandern durfte, denn ich kaufte mir dort von meinem Taschengeld ein kleines graues Segelflugzeug. Mein Selbstwertgefühl wurde langsam wieder hergestellt.

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