Donnerstag, 28. April 2016

Das steht dir gut



Wendula

1940 komme ich vollautomatisch in die Hitlerjugend. Ich werde stolz
Jungmädel. Die Jungmädelprüfung bestehe ich - ich kann das großdeutsche Reich aus dem Kopf zu Papier bringen, ich weiß den Geburtstag des Führers, kann 60 Meter in der vorgegebenen Zeit laufen und auch den anderen Anforderungen bin ich gewachsen. Ich erhalte feierlich Schlips und Knoten.
Aber nun: Ich brauche eine Uniform. Meine Mutter sieht das praktisch. Zwei ältere Brüder tragen seit Jahren hellgraue Kletterwesten aus Duvetine. Nach ihrer Meinung kann man die braun färben. Ich bin gespannt wie das wohl aussieht. Eine Kletterweste
wird in der Färberei abgeholt und zu meinem größten Entsetzen ist sie nun kastanienbraun. Meine Mutter findet gerade das ganz fabelhaft. "Das steht dir gut, das ist eine viel schönere Farbe als das Baby...braun!! Auch beim dunkelblauen Rock findet sie meinen altgedienten Faltenrock viel kleidsamer. Dabei hätte ich so gerne den engen Rock mit der Quetschfalte und den Knopflöchern im
Bund gehabt, den man an die weiße Bluse knöpfen konnte. Aber meine Mutter ist begeistert: "Du bist etwas Besonderes, du fällst auf, weil dir die individuelle Uniform so gut steht!" Ich war todunglücklich, wenn ich mit wippendem Rock und artfremder Kletterweste mitmarschierte. Zum Trost bekam ich eine nagelneue Berchtesgadener Trachtenwolljacke die ganz offiziell zur Uniform getragen werden durfte. Die allerdings verschwand in der Kinderlandverschickung im Heu auf Nimmerwiedersehen. Ein ganz herber Verlust - also: kein Glück mit Uniformen!

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