Donnerstag, 28. April 2016

Das steht mir



Ursula

Zuerst war die Windel da, das Babyjäckchen, die Lure, die kleinen Strümpfe.
Die Mutter bestimmte. In der Wiege gab es keine Mode, höchstens die Wahl zwischen rosa und hellblau. Die Kleider des Kleinkindes bestimmte ebenfalls die Mutter, gelenkt durch das meist magere Familieneinkommen. Häufig selbst genäht, aus groß mach klein oder schon dreimal weitergereicht. „Ich zieh das nicht an“, gab es nicht. Das ging so bis zum 14. Lebensjahr, dem Jahr der Konfirmation. Zu diesem besonderen Ereignis in meinem jungen Leben fertigte die Schneiderin meine ersten Kleider - aus neuen Stoffen und auf meinen Leib geschneidert - an.
Das „Schwarze“ hochgeschlossen aus Georgette, mit gekraustem Rock und Stehkragen zeigte sich nahtlos züchtig. Das Nachmittagskleid aus naturfarbener Seide schmückte sich mit kostbaren Perlmuttknöpfen und einen Reverskragen. Die Kleider waren so genäht, dass sie für „alle Gelegenheiten“, möglichst lange passen sollten. Sie hatten genügend Stoffzugabe im Saum und an den Nähten. Ob mir das gefiel oder ob das in irgendeiner Weise modisch war, spielte keine Rolle, schließlich waren die Stoffe das Kostbare und teuer genug.
Das einzig aufregende an diesem Outfit waren zweifellos die Perlonstrümpfe, die an diesem Tag zum ersten Mal getragen werden durften. Morgens die Schwarzen, die schon bei der kleinsten Unachtsamkeit Laufmaschen losschickten und deren Naht ständig hoffnungslos die Richtung wechselte. Nachmittags kamen die hellen Strümpfe dran, die an den mageren Beinen fröhlich Wellen schlugen. Da halfen die kürzesten Strapse nicht.
Wie sollte ich herausfinden, was mir steht oder gar was modisch ist? Es sollte lange dauern bis ich lernte, was zu mir passt und was mich vorteilhaft kleidet.  Erst mit vielen – oft vergeblichen - Versuchen erspürte ich die richtigen Schnitte und Farben. Noch heute mühe ich mich zu erkennen was „in“ ist und bis ich die richtige Erkenntnis habe, ist die Mode schon wieder „out“. Den eleganten Schick habe ich verpasst.
Heute steht mir die schlichte einfache Garderobe aus guten Stoffen, aufgewertet mit bunten Schuhen oder einem verrücktem Tuch.

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