Ilse
Frühling
2020
Ein
Zauber scheint über der großen Stadt zu liegen.
Morgens
weckt mich lautes Vogelgezwitscher. Sogar durch die geschlossenen Fenster
dringt das Flöten der Amseln, das Zi-zi-bä der Meisen und die facettenreiche
Melodie des Rotkehlchens. Der Specht macht sich am Kasten der Wildbienen zu
schaffen. Sein Hämmern stört den Gesang und irritiert mich. Findet der Specht
kein Futter an den großen Bäumen ringsum oder nimmt er, was ihm als leichte
Beute ins Auge sticht? Die kleinen Bienen schwärmen den Tag über in die weißen
Blüten des Kirschbaumes, laben sich am Nektar der Aronia, fliegen zu den
Frühblühern und tragen Pollenpäckchen zu dem Bau, in dem der Nachwuchs
heranwächst.
Der Abendstern
leuchtet hell wie der Mond zum Fenster herein. Doch der lässt keine Konkurrenz
zu. Ganz nah ist der Mond der Erde und wirkt riesengroß, wenn er in voller
Größe am Himmel steht, in Gesellschaft unzähliger Sterne.
Kein
Abgas aus dem Auspuff von Moped oder SUV, kein lautes Motorengebrumm, kein
Flugzeuglärm über mir am Himmel, kein Smog in der Luft, keine Menschen
unterwegs, die gehetzt zum Bus oder zur Bahn eilen.
Überall
stehende Fahrzeuge am Straßenrand. Immer mehr Fahrräder sind unterwegs
Heimarbeit ist angesagt für Arbeitnehmende, die von zu Hause arbeiten können.
Andere sind fast rund um die Uhr im Einsatz in den Krankenhäusern.
Kassiererinnen sitzen hinter Plexiglas. Systemrelevante werden sie genannt.
Viele Menschen können gar nicht arbeiten, weil ihre Betriebsstätten geschlossen
sind.
Große
Kinder haben keine Schule, müssen allein zu Hause lernen. Kleine Kinder dürfen
nicht in ihre Kindertagesstätte. Mütter und Väter sind Lehrerersatz.
Kein
Konzert, kein Theater, kein Kino, kein Museum, keine Bibliothek, keine Kirche, kein
Frisör hat geöffnet. Sportstätten sind geschlossen. Sport erlaubt - nur allein.
Leute
gehen allein oder zu zweit spazieren. Kinder spielen allein in den Gärten oder
im Hof. Andere kommen aus ihrer Wohnung nur mit einem Elternteil an die frische
Luft. Händewaschen nach jedem Ausflug nach draußen ist lebensnotwendig. Ob die
Menschen dabei immer zwei Mal „Happy Birthday“ singen und sich die notwendigen
30 Sekunden Zeit dafür nehmen?
Das
Tragen eines Mund- und Nasenschutzes wird „Gesetz“, wenn der Einkauf des
Lebensnotwendigen erledigt werden soll. Schlangestehen vor der Ladentür oder
dem Stand auf dem Wochenmarkt mit dem gehörigen Abstand wird zum Alltag und zur
Gewohnheit. Älteren Menschen wird ein Lieferdienst angeboten, Briefe werden in
Altenheime geschickt. Das Telefon bekommt jetzt eine besondere Bedeutung. In
dieser Zeit ist es das Kontaktmedium, um die Stimme eines geliebten Menschen zu
hören. Der Computer oder das Smartphone bringen Bilder von der Familie ins
Haus.
Ich
erhalte jeden Tag einen Morgengruß mit Gedanken, Gedichten, Geschichten, Liedern,
Fotos und Informationen, die mich und meine Gedanken beschäftigen.
Die
Beschwernisse kann ich vergessen und mich dem Zauber hingeben, der in der Luft
liegt, mich an den Schönheiten am Wegesrand erfreuen, den Vögeln zuhören, der
Arbeit der Bienen zusehen, dem Spiel der Blätter am Baum.
Wenn
die Wolken am Himmel ziehen, reisen meine Gedanken mit. Weit, weit weg in die
Ferne. Ich bleibe hier, an meinem Ort.
Es
wird wieder eine andere Zeit geben. Doch wie wird sie sein? Bleibt etwas von
der Ruhe und dem Zauber, dem Blick auf die kleinen Dinge für mich, für alle
Menschen erhalten?
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