Montag, 18. Mai 2020

Frühling 2020


Ilse
Frühling 2020

Ein Zauber scheint über der großen Stadt zu liegen.

Morgens weckt mich lautes Vogelgezwitscher. Sogar durch die geschlossenen Fenster dringt das Flöten der Amseln, das Zi-zi-bä der Meisen und die facettenreiche Melodie des Rotkehlchens. Der Specht macht sich am Kasten der Wildbienen zu schaffen. Sein Hämmern stört den Gesang und irritiert mich. Findet der Specht kein Futter an den großen Bäumen ringsum oder nimmt er, was ihm als leichte Beute ins Auge sticht? Die kleinen Bienen schwärmen den Tag über in die weißen Blüten des Kirschbaumes, laben sich am Nektar der Aronia, fliegen zu den Frühblühern und tragen Pollenpäckchen zu dem Bau, in dem der Nachwuchs heranwächst.

Die Sonne ist schon hoch über das Dach des gegenüber liegenden Hauses  gestiegen. Am strahlend blauen Himmel steht sie nun. Ein Blau wie ich es nur aus den Weiten Nordeuropas kenne. Nur ein weißes Wölkchen hat sich im Azur verirrt. Die frischen Blätter an Büschen und Bäumen eifern mit ihren Grüntönen um die Wette. Blumen leuchten und strahlen in diesem Frühjahr besonders prächtig. Das Weiß scheint viel weißer zu sein, das Gelb viel gelber und das Rosa der Japanischen Kirsche leuchtet rosarot wie Erdbeereis. Noch sind sie nicht zu sehen, die Maiglöckchen an der Ecke beim Reetdach-Haus. Nur der Duft steigt mir in die Nase, bevor ich sie entdecke. Auch der Flieder, der Weißdorn, der Bärlauch schicken ihren Duft in die laue Frühlingsluft. Sie locken nicht nur Insekten an. Auch ich folge ihm mit meiner Nase und nehme einen kräftigen Zug dieser so wunderbar aromatisierten Luft. Wie herrlich, welch ein Genuss!


Der Abendstern leuchtet hell wie der Mond zum Fenster herein. Doch der lässt keine Konkurrenz zu. Ganz nah ist der Mond der Erde und wirkt riesengroß, wenn er in voller Größe am Himmel steht, in Gesellschaft unzähliger Sterne.
Kein Abgas aus dem Auspuff von Moped oder SUV, kein lautes Motorengebrumm, kein Flugzeuglärm über mir am Himmel, kein Smog in der Luft, keine Menschen unterwegs, die gehetzt zum Bus oder zur Bahn eilen.

Überall stehende Fahrzeuge am Straßenrand. Immer mehr Fahrräder sind unterwegs Heimarbeit ist angesagt für Arbeitnehmende, die von zu Hause arbeiten können. Andere sind fast rund um die Uhr im Einsatz in den Krankenhäusern. Kassiererinnen sitzen hinter Plexiglas. Systemrelevante werden sie genannt. Viele Menschen können gar nicht arbeiten, weil ihre Betriebsstätten geschlossen sind.
Große Kinder haben keine Schule, müssen allein zu Hause lernen. Kleine Kinder dürfen nicht in ihre Kindertagesstätte. Mütter und Väter sind Lehrerersatz.
Kein Konzert, kein Theater, kein Kino, kein Museum, keine Bibliothek, keine Kirche, kein Frisör hat geöffnet. Sportstätten sind geschlossen. Sport erlaubt - nur allein.

Leute gehen allein oder zu zweit spazieren. Kinder spielen allein in den Gärten oder im Hof. Andere kommen aus ihrer Wohnung nur mit einem Elternteil an die frische Luft. Händewaschen nach jedem Ausflug nach draußen ist lebensnotwendig. Ob die Menschen dabei immer zwei Mal „Happy Birthday“ singen und sich die notwendigen 30 Sekunden Zeit dafür nehmen?

Das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes wird „Gesetz“, wenn der Einkauf des Lebensnotwendigen erledigt werden soll. Schlangestehen vor der Ladentür oder dem Stand auf dem Wochenmarkt mit dem gehörigen Abstand wird zum Alltag und zur Gewohnheit. Älteren Menschen wird ein Lieferdienst angeboten, Briefe werden in Altenheime geschickt. Das Telefon bekommt jetzt eine besondere Bedeutung. In dieser Zeit ist es das Kontaktmedium, um die Stimme eines geliebten Menschen zu hören. Der Computer oder das Smartphone bringen Bilder von der Familie ins Haus.

Ich erhalte jeden Tag einen Morgengruß mit Gedanken, Gedichten, Geschichten, Liedern, Fotos und Informationen, die mich und meine Gedanken beschäftigen.
Die Beschwernisse kann ich vergessen und mich dem Zauber hingeben, der in der Luft liegt, mich an den Schönheiten am Wegesrand erfreuen, den Vögeln zuhören, der Arbeit der Bienen zusehen, dem Spiel der Blätter am Baum.
Wenn die Wolken am Himmel ziehen, reisen meine Gedanken mit. Weit, weit weg in die Ferne. Ich bleibe hier, an meinem Ort.
Es wird wieder eine andere Zeit geben. Doch wie wird sie sein? Bleibt etwas von der Ruhe und dem Zauber, dem Blick auf die kleinen Dinge für mich, für alle Menschen erhalten?

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