Freitag, 24. Dezember 2021

Die Wunderkugel

Elke

Als ich aus dem Haus ging, fiel mein Blick auf eine rote, glitzernde Kugel, die seitlich am Hauseingang lag. “Oh, eine runtergefallene Christbaumkugel“, dachte ich und schaute nach oben. Es war nicht zu sehen, woher sie kam, kein offenes Fenster und kein Weihnachtsschmuck in den Büschen.

Noch in Gedanken an üppig geschmückte Weihnachtsbäume und den Satz “Früher war mehr Lametta“, verwandelte sich unsere Grünanlage vor meinen Augen in ein Weihnachtswunderland! Alle Büsche und Bäume blinkten und glitzerten im schönsten Weihnachtschmuck, jeder in einer anderen Farbdekoration mit goldenem und silbernem Lametta.

Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen und dachte “Jetzt fehlt nur noch Weihnachtsmusik“, als auch schon das erste Weihnachtslied erklang, gespielt von einem fünfköpfigen Posaunenchor ehrwürdiger Herren in schwarzen Trachtenanzügen und Tirolerhut. Sie spielten ohne Pause ein Weihnachtslied nach dem anderen. Auf „O Tannenbaum“ folgte “Jingle Bells“ und dann „Last Christmas“. Offensichtlich konnten sie Gedanken lesen, denn an welches Lied ich auch dachte, es wurde sofort gespielt.

Langsam machte mir die Sache Spaß, so unwirklich und fantastisch die ganze Szene auch war, ich probierte jetzt alles aus.

„Dann hätte ich gerne einen Platz in einem beheizten Zelt mit festlich gedeckter Tafel. Zu Gänsekeule mit Rotkohl und Klößen nehme ich einen leichten Rotwein“, war mein nächster Wunsch, der sich sofort erfüllte.

Nach dem reichhaltigen, köstlichen Mahl kam mir ein anderer Gedanke in den Sinn: jetzt wäre ich gerne im Süden, an einem Strand mit Palmen, türkisfarbenem Wasser und mit freundlichen Menschen, die dort wohnten.

So fand ich mich auf einer kleinen Insel in Polynesien wieder und unterhielt mich problemlos mit den Einheimischen in ihrer Sprache beim Planschen im badewannenwarmem Wasser.

Meine Begeisterung schwappte über, was wollte ich noch erleben? „Mit den Fischen schwimmen, Korallen besuchen, unter Wasser atmen können“, fiel mir ein. Und schon tauchte ich unter, schwerelos schwebend oder mit kräftigen Bewegungen tauchend vorwärtskommend.

Die bunte Unterwasserwelt hatte ich jetzt kennengelernt und schon zog es mich in ein ganz anderes Medium.

Nun wollte ich in die Luft, hochfliegen wie ein Flugzeug, um die Welt von oben zu sehen. Sekundenschnell schoss es mich in die Höhe, und von oben sah ich jetzt den Strand, die Palmen und die Bambushäuser der Menschen. Wieder fühlte ich mich schwerelos und leicht.

Ob ich wohl auch wieder zurückkönnte, nach Hause, nach Hamburg? Mir kamen langsam Bedenken. Ich wusste nicht, wer oder was mir diese Wunscherfüllungen und Abenteuer beschert hatte und was weiter mit mir passieren würde.

Intensiv dachte ich mein Wohnhaus und an die Grünanlage, die doch bitte im Frühjahr wieder in ihrem Ursprung und ihrer Natürlichkeit grünen und erblühen sollte, ohne glitzernden, blinkenden Weihnachtschmuck – und ohne Lametta!

Ich griff in die Tasche meines Fluganzugs, den ich seit dem Luftaufenthalt trug und ertastete die kleine rote Glitzerkugel, die neben dem Hauseigang gelegen hatte. Der Ursprung aller Wunder? Es schien so, denn als ich sie berührte, fand ich mich an meinem Hauseingang wieder und überlegte gerade, wohin ich als erstes für meine Einkäufe gehen wollte.

 

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