Freitag, 24. Dezember 2021

Die Wunschkugel

 Maren

Es begann damit, dass Isolde fasst gestürzt wäre. Kurz vor dem Kontakt zur Erde rollte eine goldene Kugel auf sie zu und verhinderte das Furchtbare.

Isolde war verwirrt. Sie hatte eine Kraft gespürt, die sie umgehend wieder auf die Füße stellte. Sie griff eine Kugel, die anscheinend schwebte, und betrachtete sie mit großer Neugier. Die Kugel begann zu blinken.

‚Das gibt es doch nicht‘, staunte Isolde, und es gab noch mehr. Ihre Hände begannen warm zu werden, zu glühen, und mit der Kugel, die sie noch umfasste, flog sie über die Baumwipfel des nahegelegenen Parks. Ihr weißer etwas weit geschnittener Mantel flatterte, sie musste Acht geben, damit er sich nicht in den Tannenbaumspitzen verfing.

‚So muss auch ein Weihnachtsengel aussehen‘, dachte Isolde vergnügt. Erstaunt hörte sie den Ausruf eines kleinen Jungen, der aufgeregt zur fliegenden Erscheinung zeigte.

„Schau mal Mama, da fliegt die Isolde.“ Isoldes Verstand kapitulierte. ‚Was ist hier los? Ich kenne diese Welt nicht mehr, gibt es denn nichts Normales, etwas, was ich verstehe?‘ Isolde war in ihrem Alltag empfänglich für Spirituelles, aber alles hatte seine Grenzen und dieses war grenzenlos.

Isolde hielt noch immer die Kugel in ihren Händen. Sie fürchtete, sie fallen zu lassen - das würde sie sicher das Leben kosten. Die Kugel wählte einen kleinen Vorsprung auf dem schiefergedeckten Dach des Rathauses als Landeplatz. „Und nun? Kümmerst du dich auch um meine Höhenangst?“, rief sie mit zitternder Stimme.

Da öffnete sich eine kleine Luke seitlich von ihr. Sie erkannte den stellvertretenden Bürgermeister. Eigentlich ein Mann mit nüchternem Sachverstand; daher staunte sie, als er sagte: „Das wird aber Zeit, Isolde, die Kraft der Kugel lässt nach.“

Isolde raffte ihren weißen Mantel zusammen und stieg durch die Luke auf eine Leiter und danach über Treppen hinunter. Auf der Straße setzte sie sich und atmete sehr tief durch.

Was war geschehen, warum kannten wildfremde Menschen ihren Namen? Es gibt vieles, was zwischen Himmel und Erde nicht zu erklären ist, aber so etwas? Auf dem Weg schien sich die Normalität wieder breit zu machen. Sie begegnete einer kleinen grauhaarigen Frau. Die sah voller Missfallen auf Isoldes Mantel. Er war außerordentlich verschmutzt, Tannenzweige hatten sich im hinteren Gürtel verfangen, ein Riss ließ den Saum auf der Straße schleifen.

Isolde lachte befreit, diesen Preis bezahlte sie gerne für ihre Reise mit der Wunschkugel, eine private Reise, niemand würde ihr glauben. Aber sie würde in Zukunft besser aufpassen, nicht mehr auf der Straße zu stolpern. Oder... auch nicht.

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