Freitag, 31. Dezember 2021

Die Wunschkugel

Karin

Unser Nikolausspaziergang führte uns in diesem Jahr durch den bekannten Forst. Der starke Schneeregen entmutigte uns keineswegs. Im Gegenteil, wir spielten Schneeflocken fangen, öffneten dafür unseren Mund und schnappten mit der Zunge nach den weißen Kristallen. Weiterhin wurde die kleine Waldwanderung belebt durch das Überspringen der Entwässerungsgräben. Ich hingegen ging tiefer in den Wald.
An einigen Stellen war der Schnee liegengeblieben. Ich bückte mich danach, um einen Schneeball zu formen. Abrupt verharrte ich in dieser Körperhaltung. Unter einer Stechpalme entdeckte ich ein rotes, rundes, schimmerndes Etwas. Mein erster Gedanke war, vielleicht war es eine Mutation der roten Früchte dieser Stechpalme? Vorsichtig berührte ich meine Entdeckung. Es war eine glänzende, bezaubernde, handtellergroße Glaskugel.
Vielleicht war es ein Tannenbaumschmuck aus dem letzten Jahr? Ich drehte und wendete die Kugel nach allen Seiten, hielt sie ins Licht. Da sah ich es! Die Kugel hatte ein Innenleben! Ein undefinierbares, winziges Teilchen bewegte sich. Es sah aus, wie der Flügelschlag eines Vogels, wie ein vergessener Kolibri.
Ich hielt die Kugel an mein rechtes Ohr. Da ertönte ein leiser, betörender Gesang. Ich stutzte. Spielte mir mein Tinnitus einen Streich? Verzaubert legte ich die Kugel an die linke Ohrmuschel. Wieder erklang eine wunderschöne Melodie. Ich tanzte drehend nach ihren Klängen. In dieser entrückten Körperhaltung entdeckten mich meine Kinder. Die sich laut fragten: "Was ist nur mit unserer Oma los?"

Doch als sie die Glaskugel in meiner Hand entdeckten, griffen sie danach, um auch diese Leichtigkeit und den Zauber zu erleben.
Wir entschieden uns, die Besonderheit mit nach Hause zu nehmen. Sie bekam einen auserwählten Platz am Tannenzweig. Bei jeder Berührung ertönte eine wohlwollende Melodie.

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