Karin
Unser Nikolausspaziergang führte uns in diesem Jahr durch den bekannten Forst. Der
starke Schneeregen entmutigte uns keineswegs. Im Gegenteil, wir spielten
Schneeflocken fangen, öffneten dafür unseren Mund und schnappten mit der Zunge
nach den weißen Kristallen. Weiterhin wurde die kleine Waldwanderung belebt
durch das Überspringen der Entwässerungsgräben. Ich hingegen ging tiefer in den
Wald.
An einigen Stellen war der Schnee liegengeblieben. Ich bückte mich danach, um
einen Schneeball zu formen. Abrupt verharrte ich in dieser Körperhaltung. Unter
einer Stechpalme entdeckte ich ein rotes, rundes, schimmerndes Etwas. Mein
erster Gedanke war, vielleicht war es eine Mutation der roten Früchte dieser
Stechpalme? Vorsichtig berührte ich meine Entdeckung. Es war eine glänzende,
bezaubernde, handtellergroße Glaskugel.
Vielleicht war es ein Tannenbaumschmuck aus dem letzten Jahr? Ich drehte und
wendete die Kugel nach allen Seiten, hielt sie ins Licht. Da sah ich es! Die
Kugel hatte ein Innenleben! Ein undefinierbares, winziges Teilchen bewegte
sich. Es sah aus, wie der Flügelschlag eines Vogels, wie ein vergessener
Kolibri.
Ich hielt die Kugel an mein rechtes Ohr. Da ertönte ein leiser, betörender
Gesang. Ich stutzte. Spielte mir mein Tinnitus einen Streich? Verzaubert legte
ich die Kugel an die linke Ohrmuschel. Wieder erklang eine wunderschöne
Melodie. Ich tanzte drehend nach ihren Klängen. In dieser entrückten
Körperhaltung entdeckten mich meine Kinder. Die sich laut fragten: "Was
ist nur mit unserer Oma los?"
Doch als sie die
Glaskugel in meiner Hand entdeckten, griffen sie danach, um auch diese
Leichtigkeit und den Zauber zu erleben.
Wir entschieden uns, die Besonderheit mit nach Hause zu nehmen. Sie bekam einen
auserwählten Platz am Tannenzweig. Bei jeder Berührung ertönte eine
wohlwollende Melodie.
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